Donnerstag, 25. September 2014

bvb 2 vfb 2 - die eine oder andere arroganzveranstaltung

Ich bin dann einfach gegangen. Ich konnte es nicht mehr ertragen. Wirklich nicht mehr. Aus der einen oder anderen Vollgasveranstaltung war längst die meiste Zeit eine Arroganzveranstaltung geworden. Wenn es nicht lief, war man nicht schuld. Ein blödes Gegentor, noch ein blödes Gegentor. Passiert. Hätte man vielleicht verteidigen können, wenn man mitgespielt hätte, hat man aber nicht.

So war das gegen Mainz, und ich hatte es nur registriert, und so war das gegen Stuttgart, und so hatten es alle wieder nur registriert. Der unselige Hagenberg-Scholz war mit im Soldiner Eck. „Unter der Woche“, hatte er gesagt, „kann ich doch kaum nach Dortmund fahren.“ Gegen Arsenal war er da, so wie ich. Aber im Gegensatz zu mir, gestand er sich nichts ein. Diese Spiele in der Liga, diese Spiele, die man im Vorbeigehen gewinnen würde, wieso sollte man sie besuchen? 1.000 Kilometer? Für genau was? Für eine nächtliche Rückfahrt, für ein paar Tore, für ein paar Sekunden des Glücks?

Immerhin. Das Glück, ja, das Glück, das wäre so ein Grund. Aber anstelle des Glücks war ohnehin Verärgerung über die unfassbare Arroganz der Dortmunder getreten. Nicht nur auf dem Platz, sondern auch unter den Fans herrschte die Gewissheit, dass mit einer kompletten Mannschaft ohnehin niemand, mit vielleicht der Ausnahme der Bayern, die Schwatzgelben stoppen würde. Dazu noch die perfekte Leistung gegen Arsenal.

Wenn etwas nicht lief, und es lief ja immer irgendwas nicht, waren die Verletzten Schuld. Der fehlende Rhythmus, die Sehnsucht nach dem Comeback der Superstars, die sobald sie auf dem Platz waren, aber natürlich sofort wieder wüsten Beschimpfungen ausgesetzt waren.

„Im nächsten Jahr ist Reus weg, der brauch auch gar nicht mehr wiederkommen. Und dass Gündogan nur für ein Jahr verlängert hat, zeigt doch auch in welche Richtung der denkt.“, Hagenberg-Scholz war einer dieser Leute.

Vor dem Derby stand der BVB nur einen kurzen Schritt vor der ersten echten Krise. In Gelsenkirchen würde man sich auch nicht mit irgendwelchen Verletzten rausreden können. Eine Niederlage, und nicht nur der Meistertraum wäre mit dann sieben Punkten Rückstand nach nur sechs Spielen ausgeträumt, sondern der Leuchtturm bekäme immer größere Schieflage.

Am Ende der Saison, das hatte man sich in Dortmund vorgenommen, sollte das Champions League-Finale stehen. Ein optimistischer, netter und unbedingt unterstützenwerter Größenwahn. Solange die Leistung in der Liga stimmte. Durch Europa rocken und die lästigen Spiele in der Liga abschenken, das konnte man vielleicht als auswärtiger Fan, aber nicht als Profi.

Die meisten Fans, und Hagenberg-Scholz war so einer, hatten es sich in ihrer Selbstmitleidsoase bequem gemacht, und übersahen die mangelnde Einstellung der Mannschaft. „Aber nach dem 2-0 da haben die so richtig losgelegt“, erzählt der windige Typ direkt nach dem Abpfiff. „Die sind super drauf. Da fehlt nur ein kleines Stück, wir brauchen einen Dosenöffner.“

Schill, der schon lange kein Humor mehr verstand, kramte in einer Schublade. „Justin, für Dich. Kannste haben“, sagte er niedergeschlagen. Hamburg war wieder einmal ohne Tor geblieben. Trotz HSV Joe. Die Idee  mit dem Ferrari auf dem Rücken seines Bademantels hatte Schill längst verworfen.

Ich hingegen hatte die Idee mit der Meisterschaft längst verworfen. Und bin dann einfach gegangen, während Hagenberg-Scholz den bemitleidenswerten Schill in ein Gespräch über den korrekten Gebrauch des Wortes Dosenöffner verwickelte.


Am nächsten Morgen verbreitete der Verein über seine Kanäle stimmungsaufhellende Fotos und Videos. Für mich war es Propaganda, für mich waren es Durchhalteparolen. Nicht die fehlenden Spieler waren das Problem, die an Arroganz grenzende Einstellung war das Problem. „Aber nach dem 2-0 da haben die so richtig losgelegt.“ Hagenberg-Scholz hatte nicht den Hauch einer Ahnung, dass er damit Borussias Probleme auf einen Nebensatz runtergebrochen hatte. "Und Stuttgart hat doch auch toll gekämpft", hatte er noch hinzugefügt. "Und überhaupt die Verletzten!" Dann, während seiner Dosenöffner-Erklärungen, war ich einfach gegangen.  

Mittwoch, 24. September 2014

mainz 2 bvb 0 - sonntagsausflug nach köpenick

Schill triumphierte, Dembowski meckerte. Es war ein ungewohntes Bild. Die beiden Freunde saßen zusammen. Es war Sonntag früh. Und ja, Schill trug seinen HSV-Bademantel. Diesmal mit Stolz. „Vielleicht mach ich mir hinten einen Ferrari drauf“, dachte er laut nach. Und Dembowski? Der doch kürzlich noch triumphierte? Er bekam nicht einmal mehr sein Korn runter. Dabei war Frühschoppen, und sein Wirt, sein Freund, seine Quelle hatte ihm extra Kristofferson aufgelegt.

Ja, Sunday Morning Coming Down. Das hörte Dembowski gerne. Dann träumte er sich wieder in seine Welt, dann fuhr er wieder mit dem Mobile Command Center durch Arizona, rein nach New Mexico, Texas und um ihn herum nur die Weite, diese unendliche Weite.

Aber Mauern, Mauern, Mauern. Das war alles was er sah, das war seine Bestimmung. Er rannte an, und hatte er eine durchbrochen, stand vor ihm bereits die nächste. Seine Euphorie schlug stets in Ernüchterung um.

Es war gegen 10 Uhr. Und Schill, der jetzt wie ein Rohrspatz meckerte – es ging um Neuers Handspiel außerhalb des Strafraums – wurde nun auch noch nervös. Er hatte einen Job zu erledigen. Er wusste nicht, ob er den Ermittler mitnehmen sollte. Klar. Noch war Dembowski zurechnungsfähig, und das, dachte der Kneipenbetreiber im Bademantel, war er selten. Meist auch nicht lang. Aber würde er sich nicht wieder nur daneben benehmen.

Er musste eine Entscheidung treffen. Und natürlich traf er sie zugunsten des launigen Ermittlers.

„Dembowski, nen Kumpel fällt aus. Ich muss ein paar Würstchen in die Alte Försterei liefern. Kommste mit? Union zockt gegen RB Leipzig.“

Funkelnde Ermittler-Augen. RB Leipzig. Sein liebster Feind. Nächtelang hatte er die Diskussionen im Internet verfolgt. Er liebte sie. Da war alles dabei. Kapitalismuskritik, Klassenkampf, Romantik, und natürlich: Antisemitismus, der hier als struktureller Antisemitismus verkleidet war. Das ganz große Rad. An dem drehte Dembowski immer gerne.

„Muss das sein? Leipzig? Zweite Liga?“

„Hinterher in die Abseitsfalle. Einen heben. Das wäre doch was. Wagen steht schon vor der Tür.“

Dembowski war längst überzeugt, und, die Zeit drängte, wollte auch nicht länger verhandeln. Was war schon ein Sonntag? Betrinken konnte er sich auch im Stadion.

An der Osloer deckte sich der Ermittler noch mit ein paar Kaltgetränken ein, und schon begann die rasante Fahrt in den Südosten der Stadt. Langsam kam Dembowski in Stimmung. Er blätterte durch die Tagespresse, und fand Hinweise auf geplante Proteste.

„Krass, Schill. Die ziehen sich alle Mülltüten an. Mega! Und Schweigen sogar. Dabei steckt Union knietief in der Scheiße. Und dann gegen RB? Die haben ne unglaublich starke Truppe, sach ich Dir.“

Doch Schill, der den Bademantel, gegen einen Jogginganzug getauscht hatte, schwieg und verzweifelte. Dembowski konnte nervig sein. Und er war es mal wieder. Viel lieber hätte er über HSV Joe geredet. Der war heiß. Der drehte das Schicksal des Vereins. Einer wie Klopp, dachte er. Und: Nächstes Jahr spielen wir Champions League. In der Mannschaft steckt so viel Potential.

„Alle Bullen sind Schweine! Alle Bullen sind Schweine!“

Der Ermittler kam langsam in Fahrt. Er hatte jetzt seinen Pegel erreicht. Und der Kopf war wieder klar.

„Du musst Dich da gleich ganz ruhig verhalten. Ich muss hinter den Gästeblock. Guter Job. Und den will ich nicht verlieren.“

Schill reichte Dembowski eine Arbeitskarte.

Sie näherten sich der Alten Försterei. Hin und wieder sahen sie ein paar Rattenball-Shirts. Der Ermittler lehnte sich aus dem Fenster.

„Ey, Schill. Fahr mal langsamer. Sensationelle Shirts. Muss ich fotografieren, und gleich mal ins Netz stellen. Diskussionen befeuern. Das wird wieder schöne Nazi-Diskussionen geben.“

Aber Schill drückte aufs Gas. Der ist leider komplett irre, dachte er. Und erinnerte sich Neuers Ausflug, und was die Experten dazu gesagt hatten. „Regelkonform, ein clever Hund, der beste Keeper der Welt.“

Sie fuhren auf den Platz vor der Haupttribüne.  Der Kneipenbetreiber musste sich noch schnell anmelden.

 „Dembowski, ohne Bier. Bitte!“

Und der Ermittler stieg aus. Er trug weiße Chucks zu einem braunen Nadelstreifenanzug, und sah unverschämt gut aus, wie er da so stand und sich zu einer Traube Menschen gesellte. Boulevardreporter. Die erkannte Dembowski sofort.

„Und: Geht es heute ab? Schon ein paar Vorfälle?“, fragte er in die Runde.

„Wer sind Sie?“

„Dembowski, DerSamstag! Kennen Sie, oder?“

Er verteilte ein paar Visitenkarten. Das kam unter den Gegelten immer gut an. Auch hier.

„Ah. Klar: Diese mittelmäßigste Zeitung. Cool. Noch ist nichts passiert. Aber es sind immer noch Fußballfans, Hooligans. Da passiert schon noch was. Diese Proteste alleine sind eine Unverschämtheit. Union hatte auch einen Investor. Aus Leipzig.“

Die Reporter waren bestens informiert, aber Schill unterbrach die Fachsimplerei. „Dembo, wir müssen rein.“

„Na, dann auf massig Krawall!“

„Wir werden berichten.“

Doch nichts passierte. Das Stadion schwieg, wie der Ermittler von seiner Position oberhalb des Gästeblocks sah. Die Fans protestieren stumm. Und nur die Leipziger sächselten so vor sich hin. „Gleichgeschaltete Massen“, sagte Dembowski zu Schill, doch der hörte nicht zu.

„Dembo, wir müssen nochmal ein paar Würstchen aus dem Wagen holen.“

„Ein Bier noch. Lass uns bis zur Halbzeit warten.

Was sollte Schill sagen? Alleine konnte er die schweren Kunststoffbehälter nicht tragen. Und Dembowski war längst wieder in seiner eigenen Welt. Immerhin verhielt er sich ruhig, hatte noch keinen Streit angefangen.

Während der Halbzeit hievten sie die schwere Box aus dem Wagen. Es waren vielleicht 200 Meter. Doch Dembowski musste mindestens dreimal pausieren. Er schwitzte. Er stöhnte. Er jammerte. Aber nach 15 Minuten hatten sie den Grillstand erreicht. Da ertönte aus dem Stadion der Anpfiff zur zweiten Halbzeit.

„Komm wir lassen das Ding hier stehen.“

Der Stand war unbewacht. Aber der Job war erledigt, und sogar Schill hatte Gefallen an dem Kick gefunden. Sie rannten los. Erreichten den Gästeblock. Es stank. „Sicher Buttersäure“, flüsterte Dembowski zu Schill. Ein Leipziger schnappte es auf.

Das Telefon klingelte. Und Schill drehte sich um. Alles wird in Flammen stehen. Vom Grillstand zog eine Wolke aus verbranntem Plastik in Richtung Gästekurve. Alles wird in Flammen stehen.

„Komm lass uns abhauen.“


Beim Spiel blieb alles ruhig. Und am nächsten Tag berichtete der Boulevard von einem Buttersäureanschlag auf Leipzig-Fans. 

Freitag, 19. September 2014

bvb 2 arsenal 0 - nie wieder seuchenvogel

Dortmund. Hauptbahnhof raus. Dienstag. Borussia gegen Arsenal. Endlich wieder Champions League. Die Hymne. Maßgeschneidert für mich. Ich bin der Champion, ich bin der Beste. Die Treppen runterstürzen.

„Mach ma Platz da, ich bin der Ermittler! Lassen Sie mich durch! Sie bleiben jetzt besser stehen.“ Dortmund, dachte ich mir, ist meine Stadt geblieben. Sie hörten auf mich. Sie sprangen die Treppen runter, flüchteten zurück, drückten sich an die Mauern. Ganz unten rammte ich eine alte Oma weg. Sie fiel. „Kannste nicht aufpassen?“. Sie fluchte. Unter einem Ärmel ihres braunen Pullovers zeichnete sich eine Maschette ab. „Siehste. Nich zum ersten Mal passiert.“ Ich war nachgerade euphorisiert. Back in Dortmund, mit all den Champions. Und Kevin, über Kevin Großkreutz.

Als ich das dachte, stand ich schon am Fischstand.

„Zwei Kronen, getz aber ma ganz fix!“

Was sollte sie schon machen? Ich legte einen Fünfer auf die Theke.

„Stimmt so.“

Wenn in Dortmund, dann mal auf dicke Hose machen. Auch wenn da nix mehr war. Wer konnte das schon wissen, ich war der Ermittler. Da gab es immer was zu trinken, das gab es immer Geschichten, da gab es immer ne Runde aufs Haus.

 “Dembowski, was machst Du hier?”

Die Stimme kam mir seltsam bekannt vor. Aber ich hatte so viele Stimmen gehört, und nicht alle waren aus fremden Mündern gekommen, ich konnte sie nicht zuordnen. Was blieb mir übrig, umdrehen, denn natürlich, immer wenn Leute  mich ansprachen, sprachen sie mich von hinten an.

Immer. Und antworten. Langsam und sicher.

„Fußball. Champions League. Nie ohne mich!“  

„Sieh zu, dass Du Land gewinnst, Seuchenvogel! Wir wollen Dich hier nicht haben.“

Ich hatte ihn schon einmal gesehen. Es war. Verdammt, wer war es. Erstmal auf ein Bier einladen. Und schauen. Ich drückte ihm mein Kronen in die Hand.

 „Ja, ja. Sagen sie alle. Letzte Mal, gegen Madrid! Lockerer Sieg. Reus, Doppelpack. Und geschmeidig ausgeschieden. Beste Stimmung. Im Halbfinale wären wir untergangen. Mit der Truppe. Mit dem Polen. Zum Glück, dass der wech ist.“

„Dembo. Nix von Deinem Humor verloren. Hattest nie welchen. Redermann kommt gleich auch rum.“

Ach, Dortmund. Ach, Amok! Er war es. Mein alter Kumpel Amok, der Mann fürs Grobe. Der legendäre Typ, der irgendwann mal eine Milchpackung in einem Kühlhaus zum Platzen gebracht hat. Was ein großartiger Kerl. Wie hatte ich ihn nicht erkennen können?

„Wir hauen die weg. Arsenal. Heiße Luft. Kein Mittelfeld. Keine Abwehr. Der fußkranke Özil. Und Andy Carroll im Sturm. Was soll da schief…“

„Welbeck ist das. Ne Granate.“

„Mein ich doch. Der trifft nix.“

Und so weiter. Ich redete mich in Rage. Alles nur, weil ich wusste, was und wie es kommen würde. Solange Kevin spielte würde alles ok sein, wusste ich. Über Kevin Großkreutz.

„Haste gehört? Kevin will den Prinz tunneln? Die haben doch beide nix im Kopp. Nur Flauseln, nur Spökskes.“

Amok hatte es nicht verstanden. Kevin wusste doch, wie der Poldi läuft. An der Seitenlinie.

„Aber die machen jetzt ne Dönerwette.“

„Na, Dönerwetter!“

Ich schmiss ne Runde. Wenn in Dortmund dann auf dicke Hose machen. Das Bier floss in Strömen. Schnell hatte sich meine Rückkehr herumgesprochen.  „Da, da, da ist der Seuchenvogel. Aber er bringt uns Bier.“ Wie die Menschen so waren. Man brachte ihnen Unglück und Bier, und sie waren glücklich. Man brachte ihnen Glück und Wasser, und sie wendeten sich von einem ab.

„Bis der letzte Komiker stirbt!“, rief ich begeistert durch die Kneipe. Wir waren im Bürgermeister angekommen. Ein wunderschöner Herbsttag. Die Sonne hing tief über der Lindemannstraße, und am Ende der langen Gasse konnte ich das Westfalenstadion riechen. Die Heimat. Eine Heimat. „Bis der letzte Komiker stirbt!“

Wahrscheinlich war er schon gestorben.

Sie ließen die Köpfe hängen.

„Jetzt hat es den kleinen Japaner auch noch erwischt.“

„Da kriechste doch die Pimpanellen.“

„Wir haben die Seuche am Hals. Und da ist der Seuchenvogel.“

Langsam kippte die Stimmung. Mein Bier nahmen sie, aber das mit dem Unglück. Vielleicht hatte ich die Verhältnisse etwas überschätzt. Ich nahm das Bier. Noch einmal: „Bis der letzte Komiker stirbt. Trinkt, solange es noch Brauereien gibt.“

Es half nichts. Und ich zweifelte ohnehin an meiner Rolle. Amok war längst verschwunden, Redermann nicht aufgetaucht, und überhaupt: ich war nicht hier, um mir diesen Mist noch länger vorhalten zu lassen. Borussia in der Champions League, und um mich herum nur Gebrechen, Untergang, Abstieg. Was sollte Schill sagen. Aber so durfte ich denen hier nicht kommen. Für sie gab es nie einen anderen Verein, sie würden immer Borussen sein.

Wie auch Trainer Klopp, der sich in den Katakomben des Westfalenstadions auf das Spiel freute. Endlich wieder Champions League. Die Besten. Natürlich nur echt mit kapitalmarkorientierten Trademark-Vollgasveranstaltungen. Klopp hatte Durm nach rechts geschoben, Schmelzer nach links, und im Mittelfeld Bender von der Leine gelassen. Vorne drin sollte Immobile ackern. Laufen. Draufgehen. Gemeinsam mit Aubameyang die Abwehr hetzen. Als Melancholiker bot Klopp Mkhitaryan auf. Er würde es schon richten. Mit klugem Auge das Spiel dirigieren, die Räume sehen, sie erlaufen, und dann im entscheidenden Moment: Raunen.

„Borussia, Borussia, Borussia!“ Das Peitschen im Stadion machte Arsenal Angst. Und ich beruhigte mich. Es gab Menschen, die aufgedrehter waren. Viel aufgedrehter. Und alle waren hier. Diese Nächte im Westfalenstadion, wenn alles perfekt ist. Wenn vom Stadion diese Welle auf den Platz überschwappt, und elf Borussen dem Gegner hinterherjagen. Bluthunde. Ballhunde. Mit einem verdammten Plan. „Borussia, Borussia, Borussia!“ Und vorneweg Über Kevin Großkreutz. Bender. Der Bekloppte hintendran. Wie erdacht. Wenger ohne Gegenwehr.

Kurz nach der Pause war das Ding durch, und ich hing mit Amok an der Westtribüne rum.  Von der Treppe beobachten wir die Süd. „Immer wieder geil. Immer wieder. Hör nie auf!“ Aber Amok hörte nicht zu: „Kündigung, scheißegal. Borussia Dortmund international. Europapokal. Europapokal.“

Und da war Redermann. Ordnerweste. Der Hund. Ganz in der Nähe von Podolski, der an der Seitenlinie mit allen abklatschte. Redermann sprang. Redete kurz mit Podolski, und Jannik Bandowski machte sich die Schuhe zu. Der Ball klatschte gegen die Bande. Bandowski drückte Redermann etwas in die Hand.

„Was war das, Redermann!“ Wir standen an der Bude. „Für Dich, Dembo.“ Er drückte mir einen Schienbeinschoner in die Hand. „Bandowski kenn ich vonne Amas. Und ganz ehrlich, ich hab kein Plan, was das soll. Hier.“

Am nächsten Morgen stieg ich in Wolfsburg aus dem Zug. Pause. Stadtführung. Das ganze Programm. Laufband hin, Laufband her. Und wieder weg.


Den Schienbeinschoner warf ich in den Mittellandkanal.