Donnerstag, 23. Oktober 2014

gala 0 bvb 4: was ich tat (als das licht aus war)



Kaum ausgeschlafen. Es wurde länger. Obwohl ich schnell bei Schill raus war. Obwohl ich in der Wohnung saß. Auf der Suche nach dem verlorenen Glück. Auf der Suche nach der verloren Spielfreude. Auf der Suche nach dem verlorenen Gegenpressing. Samstag. Der schlimmste Tag der Woche. Seit Mitte September. Erst hatte ich getrunken, erst hatte ich die Krise gesehen, die Wand, auf die der BVB gnadenlos zusteuerte. Und ich hatte gewarnt, so wie man warnen konnte. Weit vorher. Aber niemand vertraute mir. Und ich vertraute niemanden.  Hatte verspielt, sie hatten verspielt.  Wie auch immer. Meine Zeit als Ermittler ist vorbei, dachte ich in der Küche sitzend.

Im Radio liefen die Nachrichten. Immer wieder diese Schleife.

„Die Krise von Borussia….“

Die letzten Jahren schloss sich dann immer ein fröhliches „Mönchengladbach verschärft sich“ an. Aber jetzt war alles anders. Früher war vorbei. Heute war Scheiße. Und so fühlte ich mich. Wie jedes verdammtes Wochenende.

Man wird älter, man beschäftigt sich mit anderen Dingen, manchmal sogar mit dem Leben. Und auch dort gewinnt man, und verliert meist. Aber es nimmt einen nicht so mit, dachte ich kurz vor der nächsten Nachrichtenschleife. Nichts, dachte ich, nimmt einen so mit. Diese Niederlagen. Dabei ist es nur Fußball. Dabei ist es egal. Es sind nur Namen, es sind nur Farben, es sind nur Erinnerungen.

Aber wovon leben wir sonst? Alles baut auf diese Erinnerungen auf. Und würden wir sie auslöschen wollen, es gelänge uns nicht. So oft, so schwer, so hart wir es auch tranken, so mehr Nächte wir damit verbrachten, uns nicht zu erinnern, umso mehr Tage verbrachten wir damit, uns an die gescheiterten Versuche unserer Existenzauslöschung, und nichts anderes waren diese Versuche, uns in den Nächten zu betäube, zu erinnern. Und das passiert nicht nur mir, dachte ich. Und blieb doch nüchtern.

Nüchtern, nicht weil ich nicht mehr trinken wollte, denn ich wollte immer trinken, aber nüchtern, um den Schmerz zu fühlen. Um mich über diesen Schmerz lustig zu machen. Ich war der verdammte Ermittler. Ein harter Hund. Und solange es mich nicht traf, waren Niederlagen, war das Scheitern einer Idee, das Scheitern von Menschen, war der totale Zusammenbruch gut für mich.

Daran wärmte ich mich. An der Idee des Scheiterns. Egal, warum die Borussia gescheitert war, sie war es.

Ich skizzierte einen Plan für die nächste Woche. Wie es kommen würde. Wer treten würde. Wer ehrlich bleiben würde. Wer was sagen würde. Die Liste wuchs.

So weiter ich in die Zukunft blickte, umso klarer sah ich natürlich die Vergangenheit. Sah all die Momente, die geblieben waren und sah, wie es eben Momente waren. Gute und schlechte. Wendepunkte. Tiefpunkte. Höhepunkte. Einfach Punkte. Keine Punkte. Momente blieben, egal, woher sie kamen und egal, wohin sie gingen. Sie blieben. Sie waren der Begleiter unseres Lebens. Wir waren sie, und sie waren wir.

Am Sonntag erteilte mir der Verein einen Auftrag.

 „Finden Sie den oder die Verantwortlichen für die Krise“, schrieb mir der Verbindungsmann aus der Geschäftsstelle. „PS: Die Stimmung ist mies. Beil Dich!“

Natürlich nahm ich den Auftrag an. Der Verein zahlte gut. Auch so ein Phänomen: Umso größer die Sorge, umso höher die Gagen und umso besser Ermittler.

Die Verantwortlichen würden sich schon melden, dachte ich mir. Ich unternahm nichts.

Am nächsten Tag kündigte Rummenigge intensives Brainstorming an. Mein Anfang: Rummenigge. Kalle. Aber ich ging lieber im Oktoberregen spazieren, ich kühlte mich lieber runter.  So viel Krise. Da konnte man schon einmal verrückt werden.

“Krise hier, Krise da. Bin kaum da, muss ich fort. Hab mich niemals deswegen beklagt. Hab es selbst so gewählt, nie die Trainer gezählt, nie nach gestern und morgen gefragt“, sang ich und blickte von oben auf den Gesundbrunnen. Auf all die Menschen, die sich von einem Moment zum anderen Moment bewegten, bis sie irgendwann in den Dunkelheit schritten.

Der alte Kampf. Gut gegen Böse. Dunkelheit gegen Licht. Erinnernd und loslassen. Einmal loslassen. Können wir nicht, konnten wir noch nie. Und die, die vom Loslassen sprachen, klammerten sich an ihrer Erinnerung fest. Der alte Kampf. Die Menschen würden ihn nie gewinnen. Ich beobachtete das Scheitern. Und als es dunkel wurde, ging ich noch auf ein Bier zu Schill, der alles verstand, weil er alles verloren hatte.

Der Boss. Das Lied vom Fluss. Das Tal.

„Schill, die wollen, dass ich die Verantwortlichen finde“, sagte ich. „Dembo, Du sprichst in Rätseln“, antworte Schill.

„Für die Krise. Der Verein. Aber es gibt da keine Hintermänner, es gibt da keine Bösewichte. Es ist passiert. Der Verein hat Fehler gemacht. Das passiert. Und trotzdem ist nichts verloren. Ich habe irgendwann einmal gesagt, dass nichts gut werden würde. Das stimmt. Aber nur, weil nie etwas gut wird. Weil wir alle scheitern. Weil wir alle nie das erreichen, was wir erreichen wollen, weil wir es nicht können, weil es nicht in unserer Natur ist.“

„Du solltest wirklich mehr trinken“, Schill stellte mir noch ein Schulle hin.

„Hauke, was denkst Du ist Glück? Das ist doch die Frage. Was ist das überhaupt, und was hat ein Fußballverein damit zu tun? Und wieso sollte eine Krise einen nicht glücklich machen. Typen wie Dir und mir passiert das doch ständig. Wir sind obenauf, und stürzen. Und später sind wir glücklicher. Ich meine nicht dieses Steh-Auf-Wenn-Du-Am-Boden-Bist-Motiv, das ertrage ich nicht. Manchmal muss man liegenbleiben und sich umschauen, wo man überhaupt gelandet ist. Und dann kann man aufstehen. Immer diese Eile. Immer dieses sofortige Korrigieren. Mir geht das alles auf den Sack Schill. Überall diese Eile. Überall dieses Mitreden. Diese Erregungen. Diese Meinungen. Ich habe zu nichts ne Meinung. Ich schaue nur hin. Ich sehe Dinge, ich beurteile sie nicht, ich verurteile sie nicht. Ich sehe sie. Ich notiere sie in meinem Kopf. Und da sind sie dann. Fügen sich zusammen. Ich sammel sie. Ich bin ein Momente-Sammler. Deswegen wollen sie mich. Deswegen fragen sie mich nach Rat. Weil ich nicht urteile. Weil ich sehe. Und soll ich Dir sagen, was ich sehe?“

„Alter, Dembowski!“

„Ich sehe Männer in Nadelstreifen!“

„Dembowski, nicht die Nummer schon wieder.“

„Okay. Ich sehe keine Krise. Ich sehe den natürlichen Weg. Ich sehe die Fehler, aber ich sehe auch die Ruhe, die Gelassenheit. Die Bayern sind sich nicht zu blöd, sich immer noch am BVB abzuarbeiten. Immer noch.  Und was immer auch passiert: Das ist nie die ganze Wahrheit. Niemals!“

So saßen wir noch ein paar Stunden in der Kneipe.  Aber wir schwiegen.


Am Mittwoch siegte der BVB in Istanbul mit 4:0. Daran hatte ohnehin niemand gezweifelt. 

Samstag, 18. Oktober 2014

effzeh 2 bvb 1 - die meisterschaft ist durch, oder?

“Heute ist ein guter Tag!” Schill schaute Dembowski ungläubig an. Erst war der Ermittler wochenlang nicht aufgetaucht, und jetzt saß er da, trank Tee, sah die nächste Dortmunder Niederlage, und sprach von einem guten Tag.

„Das hier fühlt sich wie ein Sieg an, wie ein Wendepunkt. Ich habe so viele gute Dinge gesehen. So viele kleine, gute Dinge.“

Schill verstand Dembowski nicht.

„Hast Du nicht laut Krise geschrien, als es noch keine Krise war? Wieso verschließt Du jetzt die Augen? In der Mannschaft stimmt es nicht. Das sag ich Dir als Freund, das sag ich Dir als Hamburger. Klopp erreicht die Mannschaft nicht mehr. Er ist selbstherrlich, er ist arrogant. Immer sucht er nach Ausreden.“

Schill erzählte Dembowski von der Pressekonferenz. Der Ermittler hatte sie nicht gesehen. Er wollte sie nicht sehen. Weil es nur Worte waren. Und der Worte war er leid. Er war so vieler Dinge leid, die wenigsten aber hatten mit der Borussia zu tun, erklärte er Schill.

Doch der schaute weiter besorgt, wollte wissen, wo Dembowski gewesen war und warum er nicht dem Schultheiss frönte. Aber der Ermittler schwieg. Nicht weil er dem kauzigen Bademantelträger die Wahrheit vorenthalten wollte, sondern weil genug geredet worden war.

Der Kneipier ging erneut auf die Pressekonferenz ein. Klopp, so erzählte Schill, habe Journalisten abgekanzelt. „Die, die solche Artikel schreiben, haben keine Ahnung von Fußball, hat Klopp gesagt“, sagte Schill. „Und ich frage mich jetzt, hat der Trainer überhaupt Ahnung von Fußball und erreicht er das Team mit seinen immer gleichen Sprüchen von der Festplatte, dem Neustart, dem unangenehmen Gegner überhaupt noch? Ich bezweifele das“, sagte Schill.

„Du bist auch Hamburger. Du musst zweifeln.“

„Aber die Borussia ist doch jetzt in einer Krise. Das kannst Du doch nicht vom Tisch wischen“, sagte Schill und blickte noch einmal auf die Tabelle. „Die haben so viel Geld investiert, niemand davon spielt, und wenn nicht annähernd seiner Ablöse entsprechend. Nicht einmal Mkhitaryan, nicht einmal Aubameyang. Das zweite Jahr zählt beim BVB auch nicht mehr. Ihr habt die falschen Spieler gekauft. Ihr habt“, sagte Schill, „unter Druck die falschen Entscheidungen getroffen, und diese Fehler im letzten Jahr noch kaschieren können. Jetzt holt Euch die Realität ein. Ihr fallt. Dein Leuchtturm stürzt. Das war es!“

„Die Menschen“, sagte Dembowski und nahm noch ein Schluck Tee, „lieben das Scheitern. Die Menschen lieben die Geschichten vom Aufstieg und vom Fall. Sie begleiten Dich hoch und sie nehmen es persönlich, wenn es dir dort oben einmal schlecht geht. Sie fühlen sich angegriffen, und in ihrer Wut und ihrer Ausweglosigkeit, und, das darfst Du nicht unterschätzen, in ihrer Hilflosigkeit machen sie dich ein.“

Mittlerweile war der Ton aus. Seit einiger Zeit hatte Schill einen Plattenspieler hinter der Bar. Wenn die Jukebox mal nichts hergab, oder wenn der Ermittler kam und redete. Dann legte er ihm eine Platte auf. Und untermalte seine Nächte. Mehr konnte er nicht für ihn tun.

Und so sang Nils Koppruch seine Lieder vom Ende der Nacht. Das Jazz-Album. Fink – Fink. Das mit dem Schweigen, das mit dem Bleiben. Auch Koppruch war nicht mehr. Wie so viele der Dembowski-Helden.  Doch hier sang er noch.

„Du kannst verloren und verflucht sein, und Du kannst die Stunden zählen, die zu lang sind und dich quälen. Du weißt den Weg und auch das Ziel nicht. Und ob es Nacht oder schon Tag ist. Du hast vergessen, wo du her bist. Und ob es richtig oder falsch ist.“

Schill fand das passend und Dembowski wohl auch, den er liebte dieses Lied, dieses Album und es schmerzte ihn zu wissen, dass da nichts mehr kommen würde.

„Verloren und verflucht. Starke Worte, Schill!“ sagte der Ermittler. Er saß aufrecht, rührte in seinem Tee. „Danke!“

„So ein wenig habe ich bei euch auch das Gefühlt. Ihr habt eure Vergangenheit vergessen, ihr sucht eure Identität und ihr findet nichts. Ihr seid hilflos. Ihr habt kein Vertrauen mehr. Und ihr habt falsch eingekauft, dabei bleibe ich.“

„Ja, und die Bayern wollten es so. Die wollten Fehler provozieren. Moment, ach, ach, Fink! So weise Worte“, sagte Dembowski. Er war jetzt abwesend, hatte den Faden verloren. Und man bekam das Gefühl, dass da irgendwas anderes war, etwas Größeres. „Wir sind kein Werder Bremen“, murmelte er. Schill fand die Erklärung zu einfach. „Geld hattet ihr trotzdem genug“, sagte er.

„Schau. Wir haben einen Torwart, der sich für Manuel Neuer hält, aber der Roman Weidenfeller ist. Wir haben ein Kapitän, der nicht da ist, der so wie ich hier abschweife, immer abschweife, weil ich mich der Situation nicht stellen will, auf der Suche ist. Er will alles und vergisst vieles. Die beiden Spieler heute. Dazu fehlte uns Durm. Wir waren mit 3 Mann im Zentrum. Und Kevin wäre links gewesen, hätte Räume gerissen, hatte geackert.“

Aber das war Schill zu einfach. „Reus, Gündogan, Mkhitaryan, Kagawa, Immobile“, zählte er auf.

„Wir brauchen Zeit. Das wusste ich. Und wir bekommen keine Zeit. Das wusste ich. Die werden wir jetzt bekommen. Unter Druck. Unter Erregungsattacken der üblichen Verdächtigen. Klopp baut seine Mannschaft on the fly. Die haben so alle noch nie zusammengespielt. Die hatten keine Vorbereitung. Nicht zusammen. Und manch einer nicht einmal alleine“, sagte Dembowski.

„Aber was willst Du mir sagen?“ fragte Schill, „dass alles irgendwie gut wird. Mit der Zeit.“

„Niemand hatte jemals gesagt, dass es einfach wird. Gehofft. Klar. Aber gesagt? Vielleicht. Aber was ich heute gesehen habe, hat mir Hoffnung gemacht. Vielleicht auch nur für 10 Minuten. Aber das ist der Weg. Muss man nicht mitgehen. Aber der ist ohne Alternative“, sagte Dembowski. „Wir wirken ideenlos, wir wirken planlos, und unkonzentriert. Das waren wir auch. Aber nicht heute. Heute waren wir in der Vorbereitung. Wir verzögern. Das reicht nicht im Ligabetrieb. Nicht jetzt. Aber es wird reichen.“


„Aber die Meisterschaft ist durch, oder?“, lachte Schill, und Dembowski lachte auch. „Mach ma nen Schulle klar!“ 

Montag, 6. Oktober 2014

bvb 0 hsv 1 - eight miles high

Irgendwann war das Spiel einfach vorbei. Wahrscheinlich war die Borussia wieder angerannt, und wahrscheinlich war die Borussia wieder einmal ohne Glück. Wer konnte das schon sagen? Dembowski nicht. Er saß dort. Die Arme stützen den schweren Kopf. Schill umarmte ihn. Flüsterte aufmunternde Worte. Aber der Ermittler hörte nichts und sah nichts und er erinnert sich nicht.

Wieder einer dieser Tage.

Gerade noch war er in Brüssel auf dem Atomium. Die Arme ausgebreitet. War das die Wende? War er geheilt?

Vielleicht, hatte gedacht.

Eight miles high.

Gegen Anderlecht war es ok gelaufen.

Lange Bälle über die Abwehr, kurze Lupfer über die Abwehr. Die Abwehrfehler einmal nicht bestraft.

And when you touch down you’ll find that it’s stranger than known

6 Punkte, 2 Spiele. Ein paar Tore. Wichtiger: Keine Gegentore.

Das zählt alles nicht. Nicht für Dembowski. Das mit der Champions League hatte er nie angezweifelt.
Seit Saisonbeginn hatte er ein mieses Gefühl. Wohin er schaute: Leuchttürme.
Lief er an einem Samstag einmal durch Mitte, verschwamm der Fernsehturm am Alexanderplatz. Doch sein Licht warf Leitfeuer über die Stadt. Er war immer im grünen Bereich, und so sehr er auch nach links steuerte, so blieb er doch im grünen Bereich.

Und wenn er einmal (denn er hatte es nie ganz aufgegeben) aus dem Campo Dembowski heimkehrte und auf einer der Honecker-Alleen auf Berlin blickend stoppte, war er im Richtfeuer der Lichter zweier Türme, die sich über der Stadt erhoben, und die sich jeden Winkel der Hauptstadt holten. Ihn ausleuchteten. Ihn sezierten, ihn markierten, ihm einen Sinn zuwiesen und schwarz und weiß ausspuckten.

Hier die guten Teile und da die schlechten Teile. Doch nur das Licht überlebte.
Einmal, als Dembowski wartete, verschwamm das blaue U-Bahn-Zeichen an der Osloer Straße, formte sich neu und bewegte sich ruckartig, erst von ihm weg. Und der Ermittler war erleichtert, doch bald schon fiel das Licht in sich zusammen. Dunkelheit. Einige Menschen stürzten den U-Bahn-Schacht hinab, doch Dembowski stieg auf, und verharrte. Die Arme weit ausgebreitet. Und er sah die grauen Gesichter, er sah die Mühen der Menschen und wie sie gezeichnet waren. Und er sah einen Leuchtturm mit goldenem Leitfeuer. Dann fiel er. Und eine Menschenmenge hatte sich um ihn versammelt. Während er dort lag und alles dunkel war.

Signs in the street that say where you're goin'. Are somewhere, just being their own.

Leuchttürme, so haben wir gesehen, dominierten Dembowskis Tage und Nächte. Sogar Schill hatte sich einen besorgt, und ihn mit einer Raute versehen. Darunter:

"Der HSV ist der einzige Club, der es vom Umfeld her schaffen könnte, langfristig dem FC Bayern ebenbürtig zu sein" (Uli Hoeneß, 2012)

Und dann diese Niederlage. Wieder fehlte die Konzentration, wieder fehlte es an Glück, fehlte es an Pässen, aber nicht, so lachte Schill Dembowski ins Gesicht, an Fehlpässen. Das Pressing fand nicht statt, und Hamburg, dreckig, Abstiegskampf eben, trat und kämpfte und rannte und trat und spielte auf Zeit.

Nowhere is there warmth to be found among those afraid of losing their ground

Waren es doch die verletzten Spieler? Auf dem Platz stand immer noch eine formidable Mannschaft, aber es klickte nicht. Es fehlte jemand. Es fehlte jemand mit Selbstvertrauen, und jemand, der das Team an die Hand nahm. Mit einem Moment, mit einer Aktion, mit seinem Glück. All das war der Borussia abhandengekommen, und das stimmte Dembowski traurig.

Schill hingegen freute sich still. Er wollte nicht nachtreten, und er wußte nur zu genau, wie Dembowski sich nun fühlte. Er saß dort und er trank nicht einmal mehr sein Bier. Er saß dort, und er wirkte so seltsam abwesend, als wäre etwas in ihm verschwunden, nicht mehr da. Weg. Stille. Und in diese Ruhe brach der Gesang der Südtribüne. Sie verabschiedete die Mannschaft.

„Mach das aus, Schill. Ich ertrage es nicht mehr. Ich ertrage es nicht mehr, nicht dort zu sein. Und ich ertrage es nicht mehr, die Mannschaft in diesem Zustand zu sehen. Sie reden über den großen Angriff auf Europa. Sie wollen dabei sein, wenn die Spirale sich immer schneller, und ganz am Ende zu schnell dreht, und immer mehr Vereine aus der Bahn wirft. Was sollen sie auch anders tun? Das sind die Zwänge. Und doch wirft es wieder den Blick auf die ewige Frage: Welchen Fußball wollen wir eigentlich? Wollen wir den Erfolg unserer Mannschaft? Zu welchem Preis?

Muss unser Verein moralischer, glaubwürdiger, ehrlicher sein als wir es jemals sein können, sein werden? Darf er sich verkaufen? Und wann verkauft er sich? Verkaufen wir uns? Und wieso sind unsere Ansprüche an den Verein immer die höchsten, an uns selbst aber immer nur die geringsten? Wieso reden wir von Vorbildfunktionen und zeigen mit den Fingern auf die Verfehlungen der anderen Vereine, ja, manchmal sogar unserer eigenen Vereine?

Wogegen wehren wir uns? Und wann kommt der Punkt, an dem wir uns nicht mehr wehren, uns angewidert abwenden und was kommt danach? Machen wir das am sportlichen Erfolg fest? Üben wir nur Kritik, weil wir in Sorge sind, und zugleich einfach so weit weg und dadurch zutiefst hilflos, ohne Chance, etwas zu verändern?“

Dembowski starrte auf den Leuchtturm, sein Blick wanderte durch die Kneipe in Richtung Fernseher. Dort standen die Spieler immer noch vor der Süd. Und Kevin zog sein Trikot aus.

„Ändert das wirklich etwas? So viel Liebe. So viel Feuer. Merken die Spieler das? Und ist es nicht überhaupt einfach furchtbar egal, weil es in diesem Moment  nicht um die Spieler geht, sondern um den Verein, der so viel größer als die Summe der einzelne Spieler ist? Ist das nicht einfach eine Trotzreaktion? Oder ist es doch der Geist von Borussia Dortmund? Kann es etwas verändern?“


„Dembowski, da vorne ist die Tür. Hau endlich ab. Deinen weinerlichen Mist kann doch niemand mehr ertragen. Geh. Der HSV hat gewonnen. Lass mir wenigstens diesen Moment.“