Montag, 25. August 2014

der große reus

Eigentlich wollte Dembowski in der Kneipe Meat Loaf hören, doch dann kam Justin Hagenberg-Scholz.

Mitten im August war es April geworden. Ich war vom siebten Stock des letzten Wollankstraßenhochauses ein Stück weiter runter in den Kiez gezogen. Am Ende der Soldiner Straße hatte ich eine 3-Zimmer-Wohnung mit Stellplatz für den Mobile Command Center gefunden. Hier war weniger Verkehr, hier sah man die Flugzeuge noch, doch nur bei ungünstigsten Wetterlagen vernahm man hier den Fluglärm. Es war nicht der Oderbruch, aber es war auch nicht das Ende der Welt. Irgendwann geht es zurück.

Das Campo Dembowski hatte mir massiv zugesetzt. Fußball, so  erschien es mir im Nachklang der WM, war nicht mehr meine Welt. Und manchmal fragte ich mich, ob es überhaupt je meine Welt gewesen war. Manchmal stand ich am Fenster und blickte auf das grüne S der Bornholmer Straße, das dort zwischen einer Häuserflucht leuchtete. Vor 25 Jahren war hier die Mauer gefallen, damals war der Soldiner Kiez das Ende der Welt, und es fühlte sich auch heute noch so an.  Die Bruchkante rüber in das skandinavische Viertel des Prenzlauer Bergs war immer noch scharf.

Aber die Menschenströme ließen die Kante jeden Tag ein wenig mehr abstumpfen. Hin und wieder sah ich sie kommen.  Sie wurden aus dem Prenzlauer Berg vertrieben, auch Neukölln, oder Kreuzkölln, wie sie es in ihrer Sprache nannten, war ihnen zu glatt geworden. Aber nicht nur aus Berlin, sondern aus der ganzen Republik kamen sie hierher. „Dit is das wahre Berlin! So wie früher“, erklärte mir Justin Hagenberg-Scholz.

Ihn hatte der Ruf der Berliner Bildungsrepublik in die Hauptstadt gezogen. Er unterrichtete am OSZ Kim an der Osloer / Ecke Kolonie. „Quereinsteiger“, verriet er mir viel später mit seinem dumpfen Lächeln.

Justin war ich in einer dieser Bars begegnet, die neuerdings ein Großteil der Straßenzüge für sich beanspruchten. Er saß dort, trank Mate und mischte sich irgendwann einfach in das Gespräch ein. Da war ich gerade bei meinem aktuellen Lieblingsthema: Die Auswirkungen der Weltmeisterschaft. Ich hatte ein paar Leute um mich herum versammelt, erzählte vom Campo Dembowski, den Eingeborenen, dem Verschwinden der Leichtigkeit.  Und immer wieder schimpfte ich über Götze. Das alte Lied, das immer wieder im Refrain „Ausgerechnet Götze“ mündete.

Meine Zuhörer hatten es nicht satt, und zahlten Runde für Runde. Hier in der F-Bar kannte man mich noch nicht, und ich musste mir einen Pegel antrinken für die nächste Runde im Präbel Eck. Auf Dauer wurden die Nächte dort einfach zu teuer. Allein die Jukebox schluckte und schluckte.

Aber Justin Hagenberg-Scholz war anders. Er wollte nicht zuhören, er wollte diskutieren. Dazu war er nüchtern, und ich hatte schon ordentlich ein drin, war zwischendurch auch kurzzeitig zur Lamafarm abgedriftet, hatte den Exkurs unter das Motto „Vier Bier für Koi“ gestellt, und sie mit meinen Ausführungen an den Rande der Tränen gebracht. Der depressive, alleingelassene Karpfen am Rande eines Landes, das sie nicht einmal aus Erzählungen kannten. Berlin war ihr Deutschland. Und ich war ihr Berlin. Diese Ungenauigkeiten ihrer Wahrnehmung ließen mich glücklich und betrunken werden – bis Justin kam und alles zunichtemachte.

„Endlich Bundesliga! Endlich wieder Bundesliga!“, fing er an. „Aber diese Entwicklung der letzten Jahre ist beängstigend, oder? Es wird nur noch auf die Klicks geschielt, und niemand beschäftigt sich mehr mit den Spielsystemen.“

„Ausgerechnet Götze!“ hielt ich ihm entgegen, merkte jedoch schnell, dass ich mit dieser Nummer nicht mehr weiterkam. Er schaute mich an, wartete auf ein weiteres Wort, auf eine Erläuterung.
„Haben Sie denn niemals DerSamstag! gelesen?“

„Wir waren beim Du“

Ich hatte es ihm nicht angeboten.

„So unter Fußball-Fans und….“, er zwinkerte mir zu „…Borussia Dortmund-Fans, nehme ich an. Mein Name ist Justin. Justin Hagenberg-Scholz. Und Dein Name? Und nein, DerSamstag? Davon habe ich noch nichts gehört!“

Ich hatte ihn nicht gebeten, mit mir zu reden.

„Ja. Der BVB! Der BVB! Der BVB ist wieder da! Aber jetzt geht auch noch Reus. Und davon berichtet Ihnen DerSamstag! in durchaus mittelmäßiger Art und Weise. Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Dietfried Dembowski. Ermittler, Herausgeber, Lamafarmbetreiber! Ausgerechnet Götze!“

„Wir waren beim Du!“ insistierte er.

Ich hatte es ihm nicht angeboten.

„Fein, Herr Hagedorn-Schulz. Was hat Sie hier in die Gegend verschlagen? Sie wirken so neu hier. Vielleicht darf ich Sie zu einer Kiez-Führung einladen?“

„Hagenberg-Scholz! Aber wir waren beim Du! Ich bleibe dabei. Also Dietfried. Die Medienberichterstattung. Ich verstehe das nicht. Da wird alles aufgeblasen. Verletzt sich jemand im Training, berichten sie gleich bei Twitter. Sagt Beckenbauer was, steht das gleich überall. Ich verstehe nicht, warum diese Menschen überhaupt noch eine Plattform bekommen. Das will nicht in meinen Kopf rein.“

Er wollte ernsthaft diskutieren. Sicherheitsdebatte in 3.2.1, dachte ich.

„Aha. Interessant. Ich nehme ein Schulle, die haben hier kein Kronen, Herr Hagedorn-Schulz.“

Ich stellte mich auf einen langen Abend ein, und es musste immer Bier da sein, auch in den Momenten, in denen es am schlimmste war. Vielleicht sogar gerade in diesem Momenten.

„Was die Polizei da abzieht. Aber ok, in NRW gibt es jetzt dieses Pilotprojekt. Ich betrachte es als Falle.“

Meine Gedanken drifteten.

Ich war wieder bei Götze, der seine Karriere wegschmiss und doch der größte deutsche Fußballer seiner Generation geworden war. Er würde es nie auflösen können.

Hagenberg-Scholz war über die Kapitalerhöhung und den Signal-Iduna-Park zu den Eintrittspreisen gekommen. Sämtliche Probleme des Fußballs in 30 Minuten. Zu allem hatte er eine Meinung. Einmal hatte ich, weil mein Bier alle war, „Für immer Westfalenstadion!“ gerufen und ne neue Runde auf Justin einsacken können.

„Ihnen ist schon klar, dass nur über die Eintrittspreise die Mannschaft gehalten werden kann!“ warf ich in den Raum. Ich war der Diskussion überdrüssig, und ich war blau genug, um im Präbel Eck ein paar Lieder zu drücken. Gegen den Schmerz und für das Leben. 10 Minuten Meat Loaf mit Bat Out Of Hell würden reichen.

Aber erst musste ich Hagenberg-Scholz loswerden. Er war komplett auf Mate. Und wetterte jetzt gegen die Spieler, die in seinen Augen nur noch Söldner waren. „Dann spielen wir eben im Mittelmaß und überhaupt, was haben die Eintrittspreise mit der Mannschaft zu tun.“

„Sie wollen, dass ihre Arbeit Wertschätzung erfährt. So hört man zumindest aus gewöhnlich gut informierten Kreisen. Sie wissen doch, ich bin der Herausgeber dieser Fußballzeitung.“

„Du redest Quatsch, Dietfried. Das ist Blödsinn! Marco Reus verfolgt einen Karriereplan, aber er liefert blitzsaubere Leistungen ab.“

Ich wünschte mir Meat Loaf herbei, aber wurde weiter mit Mumford & Sons beleidigt. Hagenberg-Scholz duzte mich weiter. Hagenberg-Scholz nannte mich Dietfried. Er machte alles falsch. Er wußte alles.

Ich wollte große Rock-Opern. Ich wollte Unterhaltung, und verstrickte mich doch immer tiefer in kleinteilige Diskussionen über die Zukunft des Fußballs, der doch nur dem Untergang geweiht war. Eigentlich mein Lieblingsthema, jedoch nur, wenn es nach meinen eigenen, dramatischen Regeln gespielt wurde. Und nicht nach Hagedorn-Schulz-Regeln.

„Treten Sie zurück! Gönnen Sie sich ein wenig Abstand, Herr Hagedorn-Schulz! Wir leben in der großen Zeit der Unterhaltungsindustrie. Sie zählen nichts, Sie zahlen nur und jetzt auch erstmal wieder ein Bier.“

Hagenberg-Scholz stand auf, holte noch ein Bier von der Theke und ging mit den Worten „Auf bald, Dietfried. Hat mich sehr gefreut. Dit is Berlin!“ seines Weges.

Das Präbel Eck war für mich in unerreichbare Ferne gerückt, zu langweilig, zu oft durchgekaut waren die Ideen meines neuen Freunds.

In der Soldiner angekommen machte ich noch ein paar Telefonate.  Jemand hatte mich erst kürzlich auf die mysteriöse Reus-Kappe aufmerksam gemacht. Wollte Ergebnisse. Immer wollte jemand Ergebnisse. Als Ermittler hatte man es definitiv nicht leicht.

Die meisten Telefonate verliefen verbesserungswürdig, zumeist aufgrund meiner schwindenden Fähigkeit, meine Gedanken auch wirklich in Worte zu fassen.

Ein paar Hinweise gab es. Hinter dem Tapeband verbirgt sich eine Zahl, erzählte mir Amok, der diesen Geisteszustand an mir kannte, und Redermann ergänzte, dass es sich wohl „um einen Gruß an den FC Bayern handelt.“

Eine Zahl. Der FC Bayern. „Ausgerechnet Götze! Mit dem hat der doch auch geredet!“

Zu den sanften Klängen von Meat Loafs „I would do anything for love (but I won’t do that)“ und mit dem Gedanken, ob Reus es trotz seiner Liebe auch nicht tun würde, schlief ich auf dem Balkon sitzend ein.

Die Tage verstrichen, die Menschen schütteten sich Eiswasser über den Kopf. Das Ende der Welt war nah, und sie brauchten noch einmal eine Abkühlung. Das große Zeitalter der Unterhaltungsindustrie ging leider auch mit verbesserter Technik einher. Die Kettenbriefe der Neuzeit wurden digital verschickt, und lenkten vom großen Zusammenbruch ab.

Am Spieltag war ich in Dortmund. Ich nannte es Recherche. Würde Reus sich offenbaren. Immerhin stand er in der Anfangsformation, schwieg aber trotzdem weiter. Ein paar Meter wird sich Hagedorn-Schulz aufregen, dachte ich. Nicht über das Schweigen Reus, sondern über das ,was die Medien daraus machten. Ich aber schlich mich durch den Zaun im Rote Erde-Biergarten in die Katakomben des Westfalenstadions. Als der Bus eintraf, war Reus nur ein paar Meter von mir entfernt. Er trug wieder seine Kappe. Diesmal ohne Tape. Ganz deutlich erkannte ich den 09-Schriftzug. Vertragsverlängerung, dachte ich. Eine Zahl als Zeichen. Deutlicher hatte Reus nicht werden können.

„Vertragsverlängerung ja, aber noch nicht heute“, steckte mir wenig später eine gewöhnlich gut informierte Quelle. „Heute beginnt alles so wie 2010/2011, und Marco kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. Er muss die Seitenwahl gewinnen, damit Leverkusen anstoßen kann.“

„Hä?“

„09 Sekunden. Pass auf, was dann passiert, Dembowski!“

Rund 5 Minuten vor Anpfiff war ich immer noch unter der Ost. Auf einmal traten Klopp, Reus, Ginter und Piszczek aus dem Gang, waren durch die Treppen zu sehen.

"Marco, wir gewinnen hier heute nur die Platzwahl. Sonst nix, damit das klar ist. Pischu, Du stehst hoch, lässt Dich überlaufen, und Matze für Dich gilt: Im Zweikampf gut aussehen is nich drin. Du verlierst das Ding, kannst dem Pillendreher dann noch einen mitgeben. Aber der muss das machen. Neun Sekunden!"

"Aber, Trainer, wenn die später..."

 "Ich nehm alles auf mich. Marco, denk dran. Du willst Titel gewinnen!" 

Borussia gewann die Seitenwahl, spielte zuerst auf die Nordtribüne, doch nach 09 Sekunden lag der Ball im Netz vor der Südtribüne. Marco Reus wollte endlich Titel gewinnen, und überließ dabei nichts dem Zufall. Die Geschichte der Rückkehr der – diesmal kapitalmarktorientierten – Romantik konnte geschrieben werden. Der Zauber der großen Unterhaltungsindustrie, dachte ich und sah den entscheidenden Ballverlust Erik Durms. Jetzt konnte nichts mehr schief gehen. 

Draußen traf ich auf Hagenberg-Scholz, der gerade eine Gruppe Fans beschwichtigte.

„Ihr müsste der Mannschaft Zeit geben…Übergangssaison.“ 

Auf der Pressekonferenz sagte Klopp: "Die Mannschaft war noch nicht wach. Das nehm ich auf meine Kappe." 

Sonntag, 10. August 2014

der letzte tanz

Die Lamas konnten nun tanzen! 


Da war er wieder. Der Spätsommer.

 Die kurzen Tage, die letzten Vorbereitungen auf die Bundesliga-Saison, der Abschied von der Lamafarm. Zurück in den Kiez. Nicht mehr im Mobile Command Centre. Der blieb auf der Lamafarm. Wie – natürlich! – auch Dörte.

„Es ist soweit“, hatte ich ihr gesagt. „Ich muss gehen“, hatte ich Koi gesagt. „Passt gut auf“, hatte ich den Lamas gesagt.

Sie konnten jetzt tanzen. Koi konnte jetzt lachen. Dörte konnte jetzt ruhen.

Eberswalde Hauptbahnhof. Die Halle. Die großen Flächen. Der kleine Bahnhofssupermarkt. Bei Biesenthal beobachtete ich ein paar Störche, vor Bernau waren es Rehe, hinter Buch dann, dort, wo sich die Stadt ein letztes Mal öffnet, bevor das Grün von Gewerbeparks, Platten, Brachen und Altbauten geschluckt wird, ein Rabe, der allein auf der Autobahnbrücke über die Felder blickt.

Über Pankow, am nassen Dreieck, die letzten Mauerreste rechts liegen lassen, östlich der S-Bahn-Station Bornholmer Straße rein in den Bahnhof Gesundbrunnen. Wie sie ihn herausputzen. Das Tor zum Kiez. Doch jetzt nur eine Baustelle, ein Labyrinth aus Gängen. Hier geht es runter zur U-Bahn. Sie rennen. Am Obststand preisen sie die frischen Kirschen an. Auch Pflaumen gibt es schon.

Ein paar Punks vor der Sparkasse, die Drehtür ins Einkaufsparadies stockt. Der Kinderwagen durch den Seiteneingang. Aldi-Tüten, Real-Tüten, die Pizza kostet jetzt 1.20€. Ein paar Salafisten heuern direkt vor der U-Bahn an. So findet der Kiez nie seine Ruhe. Wer traut sich vorbei? Ein einsamer Schriftzug:

„ACAB – Hertha BSC – Pierre-Michel Lasogga“

Der spielt jetzt in Hamburg. Und aus der Alten Plumpe wird ein Hostel.

Ein paar Meter weiter, jetzt schon auf der Prinzenallee, an der Stelle, an der die Smaragad-Bar die Wettstuben durchbricht, drohend aus der Zukunft grüßt, der Hinweis:

„Wir sehen alles! (BND – ex-Stadion der Weltjugend)“


Klare Kante

Immer wieder mischen sich nun Touristenrollkoffer, fremde Sprachen und aufgeklappte Stadtpläne unter die Bierflaschentrinker und Sonnenblumenspucker. An der Ecke Osloer halten sie eine Weltmeisterschaft im Currywurstessen ab. Alles ist Baustelle. Alles wird neu. Nicht nur die Leitungen. Aus der Post wird die erste Hartz IV-Schule der Welt. Auf der anderen Ecke vermieten sie 2 Zimmer für 800€. Szenebezirk. Der Wedding kommt.

„Es heißt Gesundbrunnen!“

„Es ist der Soldiner Kiez!“

Hier gibt es jetzt einen Kiez-Frisör.

In der Wohnung, sie war niemals weg, hoch oben sehe ich die Übergänge. Im Norden die Wollankstraße, im Süden die Prinzenallee. Langsam ziehen sie die Straße hoch. Nur im Norden ist keine Bewegung. Er steht an der S-Bahn. Und traut sich nicht hinab, hinab, hinab.

Gegenüber in der Kneipe „Zum Friedhof“ verkaufen sie „Vier Biere vom Hahn.“  Andrea Berg heißt hier die Hoffnung. Lautes Treiben. Die Deutschland-Fahnen verkünden den vergangenen Triumph in Südamerika. Es ist länger als den Monat her, der seitdem vergangen ist.


Ich lege Arm The Lonely auf. Wieder. So viel Zeit. Diesmal ist es dringend. 

Samstag, 9. August 2014

immer diese menschen / haben keine ahnung

Die Menschen hingen ihm zu Hals raus. Seit langer Zeit schon.

Die Menschen hatten zu viele Meinungen, dummen Meinungen. Sie warteten auf ihren Untergang, und ließen sich verarschen. Denn eigentlich, dachte er, folgten sie der Herde, kauften das Gewäsch der Medien, trieben in der Hysterie blind daher, folgten mal diesem Hype, kommentierten mal dieses Gate, und verachteten die Kriegstreiber, die Regierungen, den Staat an sich, das System, die Polizei, die Konkurrenz. Wie es ihnen beliebte, er war anders. Schon immer gewesen. Er hatte eine Meinung.

Natürlich wollte er diese Meinung, diese seine eigene, und somit zutiefst wahre Ansicht der Lage der Dinge auch verbreiten, aber diese Menschen. Sie waren wie Lemminge. Er verachtete sie. Wie sonst nur die Medien, die schon seit langer Zeit inhaltslose Stücke Papier verkauften, sich in Online-Klickstrecken verkauften, immer auf der Suche nach der neuesten Hysterie. Egal, worum es ging, die Klickstrecken waren bereits vorher erstellt, die Zitate aus älteren Artikeln zusammengeklaubt. Manchmal verbreiteten sie ihre Ressentiments gegen Juden, Muslims, Behinderte und Schwule, das ging natürlich zu weit.

Vielleicht waren die Medien das große Übel unserer Zeit. Davon bekam er wenig mit, nur die Geschichten, die ihm im Netz zugetragen wurden. Meinungsstark. Diskussionswürdig. Er hatte noch nie etwas von Le Floid gehört, und dem täglichen Irrsinn des Privatfernsehens begegnete er mit Missachtung. Es interessierte ihn nicht. Diese Menschen, dachte er sich, blinde Lemminge. Was bringt ihnen das? Manchmal, denn es drückte ihm in, teilte er es mit. Sie reagierten mit Kopfschütteln. Das Öffentlich-Rechtliche war ein Trauerspiel, der Spiegel und seine Ableger längst Boulevard. Er wählte Die Partei, weil die auf Mißstände aufmerksam machte. 

Warum sagst Du das, fragen sie ihn. Weil es mich nervt, weil wir die Welt verändern müssen, antwortete er. Amerikanische Rockbands veredelten seine Tage, die er manchmal mit gedämpften deutschen Songwritern ausklingen ließ. So richtig begeistert hatte ihn schon lange nichts mehr. Die neue Gaslight Anthem war okay, aber was sollte man schon von der neuen Gisbert zu Knyphausen erwarten? Von dem war schon lange nichts mehr Bemerkenswertes erschienen. Er war über den Zenit. Es hing ihm alles zum Hals raus. Wirklich alles. Seit langer Zeit schon.

Auch der Fußball hatte sich verändert. Früher war er ins Stadion gegangen und hatte politisch korrekt geflucht, die Leute in seiner unmittelbaren Umgebung auf unkorrekte Flüche hingewiesen. Arschloch, klar, das ging. Schwule Sau, das ging nicht. Von der schwarzen Sau wagte er nicht zu sprechen. Unten auf dem Platz hatten sie geackert, gekämpft. Sie waren nahbar, der Profi von nebenan. Früher, noch früher, als er noch nicht ins Stadion ging, hätte man mit den Burschen ein Bier trinken können, dachte er. Doch der Erfolg hatte sie verändert, hatte den Verein verändert. Hatte ihn jedoch nicht verändert.

Sahin hatte er noch geglaubt, ihn sogar vehement verteidigt. Der Kagawa-Wechsel war ebenfalls verständlich. Er hatte ihm verziehen, doch der Japaner hatte seine Online-Petition ignoriert. Jetzt war er nur ein weiterer Profi, der, das musste er zugeben, zwei gute Jahre in Dortmund gehabt hatte, nun aber die Vergangenheit präsentierte. Götzes Abgang hingegen war ein Schlag ins Gesicht, aber natürlich, darüber würde er keine Postkarten nach Hause schicken. Lewandowski hatte sich sportlich astrein verhalten, und sein Management? Ob Borussia immer mit offenen Karten gespielt hatte?

Es war nur Fußball, es gab nur eine Feindschaft: Die mit den Fremdgesteuerten. Das aber konnte er ihnen nicht direkt sagen, und so fraß er den Ärger in sich hinein. Dann hörte er zuhause  wieder die neue Gaslight Anthem, denn die Dropkick Murphys waren ihm zu banal. Auf Gisberts Frühwerk ließ er nichts kommen. 

Das hörte er immer noch. Und träumt dabei von einer Welt ohne Klickstecken. Ohne Massenmedien, oder zumindest mit würdigen Massenmedien. Von einer Welt, in der jeder die Zusammenhäng verstand, und in der jeder für etwas einstand. 

Das machte ihn ganz verrückt, es ging nicht in seinen Kopf rein, allein die Gewissheit, dass sich so viele Menschen mit den Banalitäten des Alltags rumschlugen machte ihn verrückt. Justin Hagenberg-Scholz war ein rundum zufriedener Mensch. Wenn nur sein Vorname nicht wäre, wenn nur die anderen Menschen nicht wären. Sie passten ihm nicht. Und ließen sich hysterisch vereinnahmen. Auch die Süddeutsche, die er jahrelang als letzten Schutzschild gesehen hatte, verstörte ihn zunehmend.

Justin Hagedorn-Scholz stand am Fenster, neben ihm seine Frau Bereniz, die neuerdings im Bundestag arbeitete, und blickte auf die Grüntaler Straße. Unter ihm in der F-Bar saßen ein paar besonders laute Menschen. Irgendwie mochte er die Atmosphäre auf der Straße, doch auf seinen Streifzügen durch den Gesundbrunnen, nur die dümmsten Menschen sagten noch Wedding, hatte er gelesen, war es ihm noch zu dreckig. Die Sintis, die in der Casino Bar ihre Partys feierten, nahmen keine Rücksicht. 

Und der Rest spuckte Sonnenblumenkerne. Einmal hatte er einen schwarz gekleideten, vollbärtigen Typen getroffen. Er hatte sich als Dietfried Dembowski, Ermittler vorgestellt. Auch er war Borussia Dortmund-Fan. Das hatten sie gemeinsam, sonst war da nicht viel, dachte er. Er hatte auf gute Laune gemacht.

Bald würde die Saison wieder losgehen. Sein erste Spielzeit im Exil. Darauf freute er sich. Nur nicht auf die Menschen. Die, musste er sich eingestehen, verabscheute er. Sie hingen ihm zu Hals raus. Seit langer Zeit schon.