Sonntag, 22. Februar 2015

the only way is up, schill, for bvb!

„Dembo! Hiermit lade ich Dich zum Essen ein. So sind wir Hamburger“, Schill war bester Laune.

Das kam so.

Der Ermittler hatte sich mal wieder so richtig weggeflankt. Die Anlässe wurden immer geringer. Ein 3:2 Sieg in Stuttgart. Mehr brauchte Dembowski nicht mehr. Am kurzen Ende der Nacht, kurz bevor er vom Barhocker stürzte, hatte er Bolle entdeckt. Endlich. Schill stand hinter der Theke.

„Mach ma lauta, Schill! Mach ma lauta!“

Schill drehte die Anlage auf. Es war vielleicht drei, vielleicht vier Uhr. Er war noch recht nüchtern. Der Ermittler hingegen bereits im Jenseits.

Das 3:2 in Stuttgart, die starke Leistung von Kagawa hatten ihm zugesetzt. „Das Offensiverlebnis Borussia“, hatte er es genannt, und sich auch mit Hagenberg-Scholz erst gar nicht auf eine „Je Suis Boyz Köln“-Diskussion einlassen wollen. „Das“, hatte Dembowski Hagenberg-Scholz ins Gesicht geschrien, „das klären wir später. Jetzt aber. Ohhh.. Ohhhh. Reus!“

Hagenberg-Scholz, der zusehend genervt von Dembowski war, hatte sich irgendwann verabschiedet. Der Ermittler ihm noch ein paar Mate-Flaschen und „viel Spaß am Taktiktisch“ hinterhergeworfen.

„Endlich ist der Typ weg. Immer korrekt, immer an einer gepflegten Diskussion interessiert, immer mit überraschenden taktischen Erkenntnissen, angelesen in Texten von Menschen, die noch nie ein Fußballstadion von innen gesehen haben. Dazu: Problemlöser für Probleme, die er erst in die Welt gesetzt hat. Was ein Vogel.“

„Dembowski, zum Glück gibt es auch noch Menschen, die nicht nur saufen, die hier einkehren, um Bekannte zu treffen, Fußball zu schauen. Was weiß ich. Die das hier aber nicht für ihren Lebensmittelpunkt halten, die ein Leben führen. Die etwas tun. Die Probleme lösen, weil es sie gibt.“



Aber Dembowski hatte Schill nicht gehört. Er stand an der Jukebox. Ein Kronen in der Hand, eine Ernte im Mund drückte er eine Warren Zevon-Folge. „Hasten Down The Wind“, „Werewolves of London“, „Roland The Headless Thompson Gunner“ und “Poor Poor Pitiful Me”.

“Zevon, 3 Punkte, Hagenberg-Scholz verjagt. Enjoy every sandwich, Schill“, hatte Dembowski gesagt und sich lang auf einen der Tische gelegt. Das Soldiner Eck hatte sich da schon geleert. Manchmal war jemand reingekommen, hatte sich an die Theke gesetzt, dann den Ermittler gesehen, und sofort - das Bier im Gehen stürzend – wieder verschwunden. Einer hatte sich an die Jukebox gewagt, doch da war Dembowski aufgesprungen. „Fischer und es knallt. Hier kommt jetzt Newman.“

Und schnell hatte der Ermittler eine Randy Newman-Folge gedrückt.  „It’s a Jungle Out There“, und dann schnell in die 70er. „Dayton, Ohio – 1903“,  „Birmingham“, und klar „I Think It’s Gonna Rain Today“.



Er hatte sich an nichts mehr erinnert. Nicht an den Sieg der Borussia, und an keine andere Sekunden seine Vergangenheit. Ihm waren die Tränen gekommen. „Lonely, lonely“, hatte er auf dem Tisch liegend geschluchzt, und Schill war darüber so verzweifelt, denn mittlerweile war es, wie gesagt, drei oder auch vier Uhr geworden, und Schill wollte diese Selbstdarsteller nicht mehr um sich haben.

„Dembowski, Kronen ist aus. Hau ab.“

Aber der Ermittler war nur aufgestanden und zur Jukebox gegangen. Und hatte Bolle entdeckt.

„Mach ma lauta, Schill! Mach ma lauta!“

Schill drehte die Anlage auf. Es war spät. Er war noch recht nüchtern. Der Ermittler hingegen bereits im Jenseits. Dembowski schmiss seine Kippe auf den Boden. Und ging zur Tür.

„Bei Schill jab’s keen Essen, bei Schill jab’s keen Bier, war allet uffjefressen von fremden Leuten hier. Nich’ ma’ ’ne Butterstulle hat man ihm reserviert! Aber dennoch hat sich Dembo janz köstlich amüsiert.“

Dann war er weg. Und am nächsten Morgen entdeckte Schill das Immobile-Interview. Beim BVB stimmte nix. Nicht einmal Einladungen zum Abendessen wurden ausgesprochen. Drama um die Diva. Schnell den Ermittler wecken, nicht, dass er nichts davon erfährt. Oder zu spät. Wie sollte er da mitreden. Es war 10 Uhr. Samstags. Jeder normale Mensch war da wache, Schill wach. Und Dembowski jetzt auch.

„Dembo! Hiermit lade ich Dich zum Essen ein. Der Hamburger Weg“, Schill war bester Laune.

„Wasn jetz schon wieder?“

„Komm rüber, gibt Fleischklöpse!“

Und natürlich ging Dembowski los. Seine Pläne für den Samstag waren wenig ausgereift. Ein paar Bierchen gegen den Kater, und dann mal schauen. Wahrscheinlich: Konferenz. HSV Joe war erst Sonntag.

Im Soldiner Eck, ein Kronen in Hand, eine Ernte im Mund, Wanda auf Anschlag aus den Boxen, las er das Immobile-Interview.

„Komische Truppe, oder Schill? Da stimmt nicht viel. Mickibile hat nicht funktioniert. Nicht einmal in der Kabine. Mhkitaryan definiert Formkrise jede Woche neu. Und Immobile ist immer nur Drama. Und die Geschichte mit Großkreutz und den Boyz. Der versteht auch nicht, dass er nicht der Mittäterschaft angeklagt ist, sondern dass es um die Fragezeichen geht, die seinen Weg pflastern. Immobile noch einmal. Immerhin sagt da mal jemand, dass nicht alles super ist. War doch alles super, es ging nur um die fehlende Vorbereitung. Die fehlende, die zerstörte Vorbereitung, der daraus resultierende Mangel an Fitness, an Eingespieltheit, an Systemtreue, das, hatte der Verein immer erzählt, sei der Grund für diese Krise gewesen,“ sagte Dembowski und Schill tischte Fleischklöpse auf.

Schill war enttäuscht. Er hatte mit einer anderen Reaktion Dembowskis gerechnet, und auch damit, dass der Kater ihn am Leben hinderte. Doch dem war nicht so.

Es ging auf die Konferenz zu, als Hagenberg-Scholz kam.

„Schon gelesen? Das Interview hat so nie stattgefunden, sagt der Verein!“

 „Wie naiv bist Du eigentlich?“ The return of Hasskappe. „Justin. Natürlich. Immobile hat das nie gesagt. Und wenn er es gesagt hat, dann war es natürlich nur in lockerer Atmosphäre und halb so wild.“

„Ja, davon habe ich auch gelesen. Die Medien verfälschen sowas doch recht schnell. Deswegen lese ich gerne auch Stellungnahmen von Fanklubs. Die Boyz, die Colonias. Die rücken die Geschichte letzte Woche doch in ein ganz anderes Licht. Die sind provoziert worden, und jetzt die Gießkanne. Niemand ist da mehr sicher. Wahrscheinlich dürfen wir bald nicht mehr zu Auswärtsspielen.“

„Ich guck nur Sky“

„Kunde! Du machst den Fußball kaputt. Aber wir aktiven Fans, wir leiden darunter. Wie werden für das Verhalten einzelner Fans bestraft, die wir nicht einmal kennen, die wahrscheinlich sogar als V-Mann eingeschleust wurden. Die Polizei will uns zerstören.“

„Schau mal, Justin.“

Und Hagenberg-Scholz schaute.

Von hinten zog ihm Schill die Beine weg. Dembowski schnappte sich seinen Kopf, und gemeinsam schmissen sie ihn aus dem Soldiner Eck.

Es war ohnehin spät. Die Bio-Läden würden bald schließen.

In der Sportschau bedankte sich Breitenreiter für das „tolle Erlebnis“ der 6:0 Niederlage, und verzückte Bundesliga-Fans aus aller Welt waren von der besten Liga der Welt begeistert. Boyz hin, Immobile her. Es war alles nur eine Frage der Perspektive.

Freitag, 20. Februar 2015

die sonne: ein weißer ball hinter einem vorhang

Hauke Schill lehnte an der Tür des Soldiner Ecks. Die Tage seit der 8:0 Niederlage seiner Hamburger standen ihm ins Gesicht geschrieben. Aber dort stand so viel. Es fiel niemandem mehr auf. Schill richtete sich seinen Bademantel. Er strich über die Raute, die ihm so viel bedeute, und durch die wenigen Haare, die ihm geblieben waren.

In den letzten Tagen hatte er Zeit gehabt. Zu viel. Er hatte wieder an den Untergang gedacht. Das machte er immer, wenn es die Zeit zuließ. Wir werden gemeinsam untergehen, hatte er gedacht und voller Pathos immer wieder „im Fallen werden sich unsere Seele lösen“ gedacht. Wenn er schlief, so träumte er von dem großen schwarzen Loch, von dem er schon sein ganzes Leben lang träumte. Eine Uhr tickte, er stürzte. Er hatte keine Chance. Er konnte sich nicht bewegen.

Und da waren diese Bilder. Schill an der Alster. Schill und HSV Joe. Schill am Neustädter See. Am anderen Ufer ein Mobile Command Center. Dembowski.  Und wie er ihn trifft. „Borussia hat sich schuldig gemacht!“ Die Antwort des Ermittlers: „Wie lautet die Anklage?“ „Finde es heraus.“

Der Ermittler ist auf der richtigen Spur, dachte Schill während er an der Tür lehnte. Er zog an seiner Zigarette. Griff zum Bier. Noch ein Schluck gegen den Schmerz. Er war sich leid, und seinen Traum auch. Das schwarze Loch als Seelenlöser. Dembowski hatte sich nie an ihn erinnert. Die Kneipe einfach eingenommen.

Er drehte sich um. Freitag, 20. Februar 2015. Die Geschichte war nun beinahe ein Jahr her. Irgendwann würde er auffliegen. Doch bis dahin weitermachen. Er hatte sich verkauft. Er hatte keine Wahl.

Dembowski ertrug die Stadt nicht mehr. Unter den Brücken hatten die Polen mit ihren Habseligkeiten und ihren Penny-Einkaufswagen ihre Schlafräume abgesperrt. Auf den Straßen standen die abgefackelten Limousinen der letzten motorisierten Bewohner des Weddings. Der Rest war auf H, und flüchtete vor der nächsten Razzia der Berliner Polizei. Charlie don’t live here anymore, dachte der Ermittler.

Schill. Immer wieder Schill. Sein letzter Zufluchtsort bevor aus Wintermüdigkeits wieder Lebensmüdigkeit wurde. „Was ist damals am Morski Oko passiert?“  Er dachte wieder über seine Lebensfrage nach. Dabei war Dörte nur eine Bahnhfahrt entfernt.

Wenn er seine Einsamkeit nicht mehr aushielt, ging er die Treppen runter. Schritt über die Straße, trat die Tür auf und lachte. „Mach mal ein Kronen klar!“ und „Was ist das schon wieder? Was zum Teufel ist das schon wieder?“

Das "schon wieder" war ein Pep Guardiola-Kalender. Schill hatte ihn sich nach dem Spiel gegen die Bayern besorgt. Der Kalender zeigte den Bayern-Coach in seinen besten Posen, mal grübelnd, mal jubelnd, mal in angeregter Diskussion mit den Schiedsrichtern. Er hatte Schill schlanke 19€ gekostet, und war immerhin noch über 10 Monate gültig. Die Erlöse gingen an die Bayern Hilfe eV, hatten sie ihm erzählt.

Als Dembowski auf den Kalender blickte, sah er Guardiolas legendäre Thiago-Ohrfeige. "Jetzt muss sein Knie sprechen und sagen, dass es okay ist", stand unter der Aufnahme. „Ich musste hart lachen“, sagte Schill und drückte ihm ein Kronen in die Hand. Der Ermittler brauchte es. Schlimmer noch als der Kalender war Schills Musikauswahl. Tomte, Eine Sonnige Nacht.

„Yves, wie hältst Du das aus?“

Das hatte sich Dembowski bereits ein paar Tage vorher in der Turnhalle in Gelsenkirchen gefragt. Im Rahmen der Partnerschaft Lamafarm / Olympia 2024 hatte man ihm zu einem  „Dabei sein ist alles“-Workshop in Gelsenkirchen eingeladen. Die Euro-Fighter waren auch da. Sie waren die letzten Spieler, die sich gegen das Vereinsmotto gewehrt hatten und seit Jahren bestrafte man sie nun mit dem Besuch entscheidender Spiele.

„Nur noch nicht zu hoch verlieren“, hatten sie ihm in der Glückaufkampfbahn erzählt, und so waren sie dann auch aufgelaufen. Nur nicht kassieren. Nicht schon wieder. Unter tosendem Applaus und anerkennenden Worten der Fachpresse und den Teilnehmern des Workshops war ihnen das gelungen. Nur zwei Tore gegen die beste Mannschaft der Welt kassiert. Nicht schlecht. Das war vor Schalke zuletzt dem 13. der spanischen Liga. Am Wochenende vor dem Mittwoch.


Doch bei seiner Rückkehr nach Berlin hatte Dembowski den Champions League-Viertelfinalisten der Herzen längst wieder vergessen, und auch, dass die Lamafarm nun ein essentieller Bestandteil der Olympiabewerbung Berlins war. Er hatte alles vergessen. Sogar Dörtes Idee von der Nachhilfeschule. "Learning Bei Duingen" sollte sie heißen, und in der Nähe der niedersächsischen Samtgemeinde eröffnet werden.

Es war dunkel. Dembowski hatte sich mal wieder verloren.

Dembowski in der Kneipe. Die Ankündigung. Und der Moment, in dem ihm die Beine versagen.

„I don’t think the good years I’ve got can wait. So what are we staying for?”

Er lag. Er las. War er nicht DerSamstag?

BVB ab heute wieder CL-Kandidat? DerSamstag weiß vom BVB-Geheimplan! 
Von Martin Makulatur 
(duingen) BVB ab heute wieder CL-Kandidat? Borussia-Bosse lassen sich vor dem Spitzenspiel gegen den VfB Stuttgart (18. Tabellenplatz, noch kein Sieg im Jahr 2015) keine Kampfansage entlocken: „Schauen nur von Spiel zu Spiel.“ 
DerSamstag weiß jedoch exklusiv: BVB denkt nur an die Königsklasse! Intern herrscht nach den souveränen letzten vier Partien Einigkeit darüber, dass Platz 4 (berechtigt zur CL-Qualifikation) keineswegs in weiter Ferne ist. 
Bei nur zwölf Punkten Abstand zum rettenden Ufer ist man an der Strobelallee sicher, dass der gelbschwarze Leuchtturm schon in wenigen Wochen wieder strahlen wird. Dortmund mit dem neuen Traumduo Reus und Aubameyang („Raubameyang“) auch nächstes Jahr international? Lesen Sie mehr in DerSamstag! Am Sonntag.

Der Mann, der ihm jetzt hochzog, kam ihm seltsam bekannt vor. Er wischte sich das Blut aus seinem Gesicht. Er sah den Neustädter See im Nebel verschwinden.

Hauke Schill trat vor die Tür. Er blickte auf die Sonne. Ein weißer Ball. Hinter einem Vorhang.

Dienstag, 10. Februar 2015

reus verlängert, dembowski verliert

Dass die, die es schon immer gewusst hatten, einmal nicht recht bekamen, war für Dembowski das größte Glück im Unglück. 

Doch konnte es das Unheil aufwiegen, welches sich in Form von „Ermittler Heute“-Reporterin Ayse Güllü in großen Schritten auf das Soldiner Eck zubewegte?

Dabei war alles einfach losgegangen. Auf den Punkt in Leverkusen folgte die erwartete Niederlage gegen Augsburg. Kein Aufbäumen. Keine Inspiration. Und die Fans auf dem Zaun. Dembowski hatte es nur am Radio verfolgt. Was nützt die Gewissheit, wenn sie einem stets vor Augen geführt wird, dachte der Ermittler im Fähnlein Naseweis-Modus.

An diesem Mittwoch war er nicht ins Soldiner Eck gegangen. „Ich schau HSV!“ Schill hatte auf den Spielplan verwiesen, und so saß Dembowski an seinem Fenster, verfolgte die Dortmunder Niederlage am Radio und sah Schill aus der Kneipe rennen. Hamburg hatte gewonnen, und dabei 3 Tore geschossen. Der BVB blieb trotz Immobile, Reus, Kagawa, Mkhitaryan, Kampl und dem Rest der Truppe weiter bei null Treffern und ebenso viel Hoffnung.

Danach begann der Telefonterror. „Dembowski! Klopp ist weg. Tuchel wird Nachfolger“, schrie einer durch die Leitung, andere verzichteten auf altgediente Konversationsregeln und brüllte nur „machen Sie endlich was. Wir sind in Gefahr, Ermittler!“  Der entgegnete nur, dass er das schon immer gesagt habe und es für ihn daher nicht von Interesse sei.  Es war Freitag und ihn interessierte vor allen Dingen die neue Zapfanlage, von der ihm Schill erzählte hatte.

Aber im Soldiner Eck war es auch nicht so toll, musste Dembowski feststellen. Hagenberg-Scholz brütete wieder über Statistiken und taktische Winkelzüge.

„Ey, Dembo. Es ist hoffnungslos.“

„Warum?“

Es folgte eine lange Erklärung. Ein schwarzer Schwan. Hochstehende Verteidiger. Der fehlende Plan B. Fehlende Präzision und falsche Laufwege. Hagenberg-Scholz kramte beeindruckende Listen raus. Gespielte Pässe, angekommene Pässe. Sprints. Ballverluste in den entscheidenden Zonen.

“Mich interessiert das alles nicht, Scholle”, sagte Dembowski, und schlug auf den Tisch. „Mich interessieren Deine Analysen nicht.“

„Aber..“

„Aber? Für mich persönlich gesehen sind Deine unsinnigen, angelesenen Analysen der bisherige Tiefpunkt dieser an Tiefpunkten wirklich nicht armen Saison. Und dass Du es überhaupt hier in die Kneipe geschafft hast.“

Dembowski hatte Hagenberg-Scholz mit beiden Händen in die Luft gestemmt. Und schrie ihn weiter an.

„Ich dachte…“

„Du kommst zum Denken ins Soldiner Eck? Geht es noch?`”

Niemand lachte.

Der Regen knallte auf die Straße. Schill zog an seiner Kippe und drückte sie an der Tür aus.

The End.

„And he walked on down the hall. And he came to a door, and he looked inside.”

“Dembowski, hau ab da. Lass den Nerd in Ruhe”, Schill, der ein Kronen Ex rüberschob.  

„C’mon baby, take a chance with us.”

Barnetta traf, und niemand störte sich dran. Denn beide Vereine spielten in dieser Saison in einer anderen Liga. Es ging um den Klassenerhalt. Für Schill und Dembowski. Schill oder Dembowski? Showdown im Volkspark. Bis dahin wollten sie sich unterbieten, hatten sie sich vorgenommen. Mit Leistungen und mit kitschigen Comeback-Stories. Davon lebte ihre Spielzeit. Von der Ahnung vom Untergang, vom Flirt mit dem Abgrund, und der Gewissheit, dass es bei diesem ahnungsvollen Flirt bleiben würde. Ein Leben lang, so dachten sie und freuten sich umso mehr auf den Showdown im Volkspark. Er würde bedeutungslos bleiben.

Am Samstag schlug erst der BVB desaströse Freiburger mit 3:0 und wenig später sorgte der Hannoveraner Marcelo für den 2:1 Erfolg der Zinnbauer-Truppe, der Dembowski immer mehr abgewinnen konnte. „Grandiose Truppe habt ihr da zusammen. Effektive Spielzeit: 10 Minuten.  Maximale Unterhaltung.“

Die Leistung des BVBs wollte Dembowski nicht einordnen. Freiburg war kein Maßstab. Nach außen gab sich der Ermittler euphorisch und den reinkippenden Ermittler. Denn das war der Dortmunder Sieg natürlich auch: Ein perfekter Grund für einen weiteren langen Abend im Jukebox-Paradise.

„Don’t think twice it’s just another day for you and me in paradise“, bald schon standen Schill und Dembowksi grölend vor der Tür. Sie sahen die Gestrandeten durch die Nacht ziehen. Von Späti zu Späti. Und der Ermittler zog mit ihnen. Er war der Ermittler des Jahres 2014. Und er hatte was zu erzählen. Vom Fußball. Und wie er ihn beeinflusste. Seine Geschichten konnte er zwar selten belegen, doch meist hatten ihm seine Andeutungen alleine einen gelungenen Abend eingebracht.

Doch am Vorabend der Wende war es anders.

Dembowskis Geschichten interessierten nicht. Sie waren die eines alten Mannes. „Kannst Du nix über Wolfsburg erzählen? Krasse Transfers. Sind drauf. Die sind es jetzt.”

“Wolfsburg?”

“Klar. De Bruyne, Schürrle, Perisic, Maxi Arnold! Bas Dost! Dazu Hecking und Klaus Allofs. Das ist der Shit. Nicht diese veralterte Truppe aus Dortmund.“

Für Dembowski waren es immer noch die Jungs, die im Rabenloh auf den Schultern getragen worden waren. Und Klopp war einer, der immer lachte. Der Ermittler war noch nicht in der Realität angekommen. Obwohl er die Zeichen längst erkannte hatte, doch was sie bedeuteten, davor verschloss er lieber die Augen. So war er schon immer. Aus Dankbarkeit hatte er jahrelang auf Pferde gesetzt, die erst sich und somit auch ihm das Genick gebrochen hatten. Wieso sollte er diese Angewohnheit ändern, fragte er sich. Sie hatte ihn an diese Stelle getrieben, und das Leben war sicher schon einmal übellauniger gewesen.

„Once there was a way to get back home.”

Aber der Ermittler war schon lange ohne Heimat. Und deswegen war da kein Weg mehr. Nicht nach Hause, und nicht auf die Lamafarm, der Platz, der dieser verwegenen Vorstellung Heimat noch am nächsten kam.  

Er war stattdessen einfach in seine Wohnung zurück. Der Dreiklang: Platten hören, Bier trinken, Tränen weinen.  „Once I was just a boy with a need to destroy. Now I will be a man I will rise from this land.”

Der Anruf.

“Wir haben alles geboten. Und alle anderen Vereine sind abgesprungen. Wir brauchen den positive Spin.”

Dembowski schluckte. Erst den restlichen Alkohol runter. Und dann die Nachricht.

“What the fuck? Was mit den MLS-Plänen?”

„Wir dürfen Sie erinnern, dass diese niemals über den Verein gelaufen sind. Dembowski, Sie sind raus. Der Plan ist hinfällig. Der Verein ist am Arsch. Und wir brauchen postitive Nachrichten. Die Liga braucht postitive Nachrichten. Sie und Ihre MLS-Pläne. Wir sind nicht mehr Sie. Wir koppeln unsere Entwicklung von Ihren Prognosen ab. Wir fangen an, wieder unsere eigene Geschichte zu erzählen.“

„Echte Liebe“, gähnte Dembowski.

„So soll es sein. Besser als ihre alkoholgeschwängerten Expansionsstrategien. Erst gehen wir nach Asien, und später in die USA.”

Am nächsten Nachmittag, als Dembowski gerade aufwachte, wehte ein Hauch um die Überbleibsel des zweiten Leuchtturms. Im Fernsehen sprach Watzke von Reus als „Hotspot“, bei seiner Netzschau blickte der Ermittler in das große schwarze Loch, das eben jene Sprache über den Fußball gestülpt hatte, und in England verkündeten sie einen neuen TV-Deal. Dort war der Wahnsinn schon weiter vorangeschritten. 

Die Traditionalisten warteten weiter auf den Untergang. Die Nachgeborenen erfreuten sich den neuen Reichtümern. Die, die es schon immer gewusste hatten, waren für eine Moment wirklich erstaunt, ordneten sich dann aber wieder ein. 

Und Dembowski wartete auf Ayse Güllü, die ihm schon bald den „Ermittler des Jahres“-Titel aberkennen würde. Ein Kronen noch und dann würde sie hier sein. Der Prozess war längst eröffnet worden. 

“To the one true God above: here is my prayer. Not the first you've heard, but the first I wrote.”

Auftritt Güllü. “Herr Dembowski, wir müssen da noch einmal reden."

„And in the end the love you take is equal to the love you make.”