Dienstag, 21. April 2015

auch panzerwagen haben eine weiche stelle

Was bisher geschah:
Nach einer Auszeit in Frankfurt/Oder kehrt Dembowski zurück in den Kiez. Noch einmal denkt er an seine Worte zu Saisonbeginn.  Nichts würde gut werden, hatte er gesagt.  Alles war so eingetroffen. Hagenberg-Scholz hat in der Zwischenzeit seine Datenerhebung verfeinert, er vermisst nun den Fußball. Auch hat er Craft Beer für sich entdeckt. Auf dem Platz rauscht Dortmund in die nächste Krise, Schill besorgt sich einen neuen Bademantel. Nachdem die beiden Freunde nach einem der seltenen Dortmunder Erfolge in der Goldenen 16 abgewiesen werden, taucht im Soldiner Eck ein mysteriöser Spielerberater auf. Er überzeugt den Ermittler, der sich mitten in einem Krieg wähnt. Klopp muss Borussia Dortmund verlassen. So ist die Beschlussfassung. Dembowski ruft bei einer Dortmunder Zeitung an. Versetzt dem langjährigen Übungsleiter dadurch den Todesstoß.

Nach Dembowskis Anruf bei der Dortmunder Lokalzeitung, konnte auch der BVB das Ende nicht länger hinausschieben. Es dauerte noch einen Tag, dann griffen die üblichen Mechanismen des Geschäfts.

Die Wanderwelle wurde, sehr zur Freude Schills, in Hamburg ausgelöst. Für Peter Knäbel war das Experiment Bundesliga nach bereits zwei Spielen beendet, aber, obwohl der Vertrag nach Ansicht einiger dem Verein nahestehender Personen und ihren Sprachrohren bereits wasserfest war, weigerte sich Tuchel die Unterschrift unter den Vertrag zu setzen. Er hatte sich längst dem BVB versprochen, wartete nur auf das Zeichen.

Während der BVB auf der hastig einberufenen Pressekonferenz das Ende der Klopp-Jahre bekanntgab, Watzke heulte, aus einem Rücktritt eine nationale Tragödie und ein internationaler Transfer-Thriller wurde, saß Dembowski am Ufer des kleinen Teichs auf seiner Lamafarm im Oderbruch.

Dembowski beobachte Koi, und Koi beobachtete Dembowski.

Ein Winter war vergangen. Ein Winter ohne Dembowski.

Koi hatte sich zurückgezogen. Da es gerade nicht Sommer war, vergründelte er seine Zeit an den tiefsten Stellen des Teichs, der nach einer Erweiterung durch Dörte nun bereits zu einem veritablen Badesee angewachsen war. An einigen Stellen betrug die Wassertiefe nun 4.32m. Koi war geschützt, aber auch genervt von den Barschen, der neuen Kolonie dreistachliger Stichlinge und den Grasfröschen, denen die Baumaßnahmen einen neuen Überwinterungsplatz geschaffen hatten.
Dörte nervte ihn. Manchmal, wenn er morgens kurz auftauchte, sah er sie mit einem Lama über das Gelände der Farm spazieren. Doch ihr Interesse für Koi hielt sich in Grenzen, und Kois Interesse für Dörte schlug in Verachtung um. Für sie, dachte Koi, begannen die Lebensformen dieser Erde erst mit der Ordnung Paarhufern.  

Weil sich allerdings Koi trotz der neuen Gesellschaft im See ohne die Besuche Dembowskis sehr einsam fühlte, trieb er am Abend des 14.04. auf dem Rücken liegend an der Wasseroberfläche. Es war ein stummer, besorgniserregender Schrei nach Aufmerksamkeit. Dörte hatte den Ermittler sofort informiert. „Ich mache mir Sorgen um Koi“, hatte sie am Telefon gesagt und Dembowski war direkt am Morgen aus dem Haus gestürmt.

Jetzt saß er am Ufer und Koi beobachtete ihn. 

„Diese Einsamkeit“, schien er zu sagen. „Ich halte sie nicht mehr aus.“

Mit einer seiner Flossen zeigte er in Richtung Seeufer. Ein paar Grasfrösche sonnten sich.

„Was machen die denn hier? Das ist dein verdammter See. Und nicht der von dahergelaufenen Grasfröschen, und auch nicht der von Molchen, Stichlingen, Barschen. Möge Sie der Reiher holen!“

Dembowski war außer sich. Kois Augen strahlten. Er hatte den Choleriker vermisst. 

„Möge Sie der Reiher holen“, wiederholte er.

Irgendwann gesellte sich Dörte zu Fisch und Freund.

„Du musst Dich mehr um ihn kümmern. Er ist auch nur ein Karpfen.“

„Dietfried. Ich habe hier eine Farm. Eine ganze Farm. Und Du willst, dass ich mich um diesen Karpfen kümmer. Er ist auch nur ein Fisch. Das ist der Punkt. Ich habe hier Lamas. Paarhufer. Welch wunderbare Geschöpfe.“

„Ach, Dörte!“

„Ach, Dietfried!“

Sie umarmten sich.  Auf ihrem kleinen Stück Land im Oderbruch war ein kleines Paradies entstanden. Midnight Oil beschallten diesen Nachmittag. 


„Out where the river broke. The bloodwood and the desert oak.“

Am Abend war Dembowski zurück im Soldiner Kiez. Er las alles über den Rücktritt und Ferundulas Nachricht.

„Deal done! This summer!“

So war es.

Im Mittelmeer sanken Schiffe, vereinzelt brannten Flüchtlingsheime, die Vorratsdatenspeicherung machte das Land jeden Tag ein wenig sicherer.

In München hatte jemand den Panik-Button gefunden,  der Traum von der ewigen Jugend zerbrach an einer Niederlage.  Der Verein handelt nach Klub-TV-Maßstäben, sorgte damit für eine kurze Erregungsblase bei den üblichen Verdächtigen. „Nicht mit uns“, schrien sie und hatten doch keine Wahl.

Dembowski nahm das alles nur am Rande wahr. Immer passierte etwas, immer war Krieg. Ohne Aufregung kein Geschäft. Alle spielten ihre Rolle perfekt.

Ridley Ferundula saß auf seinem Hausboot. Klopp war weg.  Der erste Schritt. Nun musste er ihm ein Verein besorgen. Schneller sein.  Er handelte auf eigene Rechnung. Er musste seine Karten ausspielen. In England auf die besten Verbindungen nach Deutschland pochen. Dembowski würde ihm schon helfen. Er hatte ihn mit einer kurzen Nachricht gelockt. Sie versprach großes Geld, ein Stück Freiheit. Diese zu erlangen, das wusste Ferundula, war Dembowskis Antrieb.

Hauke Schill ersetzte seinen Peter Knäbel-Bademantel durch einen Labbadia-Mantel.

Justin Hagenberg-Scholz schrieb einen Klopp-Nachruf. Er wollte ihn richtig würdigen. Dembowski würde stolz sein. Der stand auf Emotionen.

Am Samstag trafen sie sich bei Schill.

Der BVB gegen Paderborn. Das erste Spiel vom Ende.

Klopp trug einen Schutzpanzer. Das Westfalenstadion blieb ebenfalls unauffällig.

Dembowski spazierte erst mit dem Anpfiff ins Soldiner Eck. 

„Justin hat schon auf Dich gewartet. Wirklich ein tolles Stück!“

Schill deutete auf Hagenberg-Scholz. 

Dembowski sah ihn über einem Stück Papier gebeugt. Er betete.

„Schieb ma ne Bier rüber! Wo ist dieser Agent?“

„Keine Ahnung. Diese Hamburg-Geschichte werde ich ihm nie verzeihen. Musste mir schon wieder einen neuen Bademantel machen.“

„Gnihihi. Ja. Da war doch was. Zufrieden mit Bruno? Ich fürchte, Justin hat das was vorbereitet. Das Papier macht mich noch ganz nervös. Wo ist sein Tablet?“

Es lag auf einem anderen Tisch im Nebenraum. Daneben stand ein kleiner Beamer.

„Er nennt es Echtzeitprognosen.“

Schill drehte sich um.  Dembowski sah einen riesengroßen „Bruno will save us all!“-Schriftzug. Darunter Bruno mit Schnurrbart und Raute. „Nur der HSV!“ schrie Schill. Gerade da spazierte Ferundula in die Kneipe.

„Kehlt macht es!“

Seine Worte verhallten in der Tristesse des Samstagnachmittags.

Der Ermittler schlich ein paar Meter weiter zu Hagenberg-Scholz.

„Dembowski, ich wollte Dir da mal was zeigen. Hier…“

„Wasn das?“

„Einfach mal lesen. Hab das schon hochgeladen. 4.000 Zugriffe.“

Hagenberg-Scholz reichte Dembowski einen Papierberg. Es war ein Text über die Klopp-Jahre. Er war hochemotional.

„Nie mehr“, schrieb Justin, „werde ich einen Trainer so lieben wie Dich, mein Jürgen! Du hast uns aus der Dunkelheit ins Licht geführt. Ohne Dich ist alles grau. Du hast uns mit Deinen Worten gefangen, Du hast uns von unseren Lähmungen geheilt. Wir sind durch die Liga gerockt, wir waren die leidenschaftlichsten Vollgasveranstalter der Neuzeit. Du hast uns den Glauben an die Romantik zurückgegeben. Lieber Jürgen“, schrieb Justin, „ich möchte das genauer ausführen.“

Es folgte der übliche Bullshit. Am Ende lief alles immer nur auf die Erfolge hinaus.  Und das war doch das Problem mit Klopp. Die Zeit der Erfolge war vorbei. Klopp hatte es eingesehen. Hagenberg-Scholz lebte in der Vergangenheit. Dembowski zerriss das Papier.

„Beschäftige Dich besser weiter mit der Vermessung der Borussia. Das ist unerträglich! Alter! Hast Du kein eigenes Leben?“

„Aber…Bill Shankley….“

„Wasn mit dem?“

„Some people believe football is a matter of life and death, I am very disappointed with that attitude. I can assure you it is much, much more important than that.”

“If you are first you are first. If you are second you are nothing. Wir sind 10. Und schau Dir den Scheiß da mal an!“

Dortmund wehrte sich mit Händen und Füßen gegen eine Niederlage im Heimspiel gegen den SC Paderborn 07. Man konnte es eigentlich keinem erzählen. Zum Glück honorierte Schiedsrichter Dr. Felix Brych aus München den verzweifelten Kampf der Borussen, versagte Paderborn einen Elfmeter.

Hagenberg-Scholz ließ sich seine Enttäuschung nicht anmerken. Er saß nun vor seinem Tablet. Auf einer Leinwand veränderten sich die Prognosen. Dortmund schielte wieder in Richtung Tabellenkeller.

„Die laufen auf 13 ein. Das dürfen die nicht. Auf geht’s Dortmunder Jungs, schießt ein Tor für Klopp!“

Mkhitaryan, Aubameyang und sogar Kagawa trafen. Die Projektion zeigte nun den fünften Platz der Dortmunder an.  Als Absteiger wurden Freiburg, Stuttgart und Paderborn genannt, wobei die Breisgauer sich in die Relegation retten würden.

„Wie soll das gehen?“

„Paderborn war die größte Hürde. Der Klopp-Faktor. Die Wende. Dazu fließen natürlich noch Werte wie Passgenauigkeit und Kombinationssicherheit, sowie die aktuellen Verletzungen und die Rückkehrprognosen mit.“

„Und was ist mit dem Dino?“

Hagenberg-Scholz nickte in Richtung Schill. 




Ferundula drückte Lage rein.

„Doch pass auf! Auch Panzerwagen haben eine weiche Stelle! Faust auf Faust! Hart ganz hart!“  sangen sie im Kneipenchor. Klopps Faust schlug auf seinen Panzer. Auf das BVB-Logo auf seiner Brust.

„Das müssen die spielen! Das ist Klopps Song! Ich ruf da an.“

Hagenberg-Scholz weinte.

Ferundula sprang zum nächsten Lied.

„Und wenn ich geh, geht nur ein Teil von mir und gehst Du, bleibt Deine Wärme hier.“
Hagenberg-Scholz hielt es nicht mehr aus.

„Ich muss raus. Wie soll ich das gegen Bremen nur ertragen?“

„Schill, mach ma nen Bier. Endlich ist das Weichei weg. Morgen Frühlingsparty im Campo. Und Ridley, was ist denn jetzt mit Kehl?“

„Der wird Co-Trainer. Tuchel macht es.“

„Und mit Klopp?“

„Wenn ich das nur wüsste. England. Bin da mit einigen sehr vielversprechenden Vereinen im Gespräch. Newcastle sucht einen neuen Trainer. Hab diesen Mike Ashley neulich an der Strippe gehabt. Interessanter Mann mit großen Visionen. Der will aus den Magpies ein zweites Dortmund machen.“

„Aber ist nicht Gelsenkirchen die Partnerstadt?“

„Das ist Ashley egal. Der muss liefern. Er steht unter Druck. Der Verein arbeitet mit Profit, ist sein Pardew ruderlos. Wie der aus dem Deal gekommen ist, bleibt mir, das muss ich sagen, ohnehin ein Rätsel. Die Geordies erzählen viel, und immer geht es um Geld. Um Knebelverträge!“

„Knäbel? Zu Newcastle! Immer gerne. Ich leg mein Bademantel…“

„Schill. Komm ma runter. Es geht um Klopp. Du hast hier gar nichts zu melden. Mach Ferundual mal nen Bier klar.“

„Also. Ashley wollte den Verein abstoßen. Klappt nicht. Jetzt muss er die Fans beschwichtigen. Da kommt Klopp gerade recht. Ein Arbeiterverein mit großer Tradition. Die wollen ihn.“

„Ich kann Dir wirklich nichts versprechen. Auch wegen Gelsenkirchen.“

„Willst Du hier raus? Dann kümmer Dich.“

Dembowski kümmerte sich, aber erst einmal um die Frühlingsparty im Campo.

Bis auf Hagenberg-Scholz kam niemand.

Der BVB verkündete die Tuchel-Verpflichtung. Ein Strahlen huschte über Justins Gesicht.

„Er ist der Rule-Breaker! Er erfindet Fußball jeden Tag ein wenig neu. Er kann Ballbesitz und er setzt die Trends. Die perfekte Wahl für den BVB! Wirklich. Ein außerordentlicher Trainer mit außerordentlichen Fähigkeiten. Hast Du gestern Mkhitaryan gesehen? Der wird unter Tuchel aufblühen. Es gibt nur einen logischen Trainer für ihn. Der ist jetzt da! Bald.“

„Der Pilot? Aus dem wird nichts mehr.“

„Deine Art ist unerträglich. Wie Du über Menschen urteilst.“

„Das sind keine Menschen. Das sind Avatare.“

Hamburg verlor in Bremen. Später am Abend stieß Schill hinzu. Er wusste nicht mehr weiter. Und schwieg. Hagenberg-Scholz und Dembowski respektierten seine Trauer. 

Einer träumte vom Klassenerhalt, und einer von Tuchel und Dembowski dachte an Koi. Er würde ihn bald wieder besuchen. Ein Rabe beobachtete sie. Ohne Träume sind wir nichts, dachte Dembowski. Klopp sagte West Ham United ab. Der erste Schachzug Ferundulas war geschickt. 

Dienstag, 14. April 2015

die nummer 7

Schill blickte durch sein Fernglas.

 „Es ist wieder Krieg“, sagte er.

„Krieg ist immer“, sagte Dembowski.

Er spazierte ein paar Meter weiter.

 „Da hinten ist der Teufelsberg!“

„Da kommt Lawrow!“

Später Montag.

Kurz vor der Sinnkrise der Frühlingssonne.  Kurz nach dem Drama.

Hin und wieder prasselte ein leichter Frühlingsregen auf den alten Flakbunker nieder. Der Westwind verschaffte ihnen Einsamkeit. Ein paar Jogger störten die Ruhe. Sie drehten ihre Runden. Ein Großteil jedoch drehte bereits an den Stufen ab, rannte im Sprint die 22 Höhenmeter hinunter. Hier auf 62 Meter über dem Meeresspiegel waren sie weitestgehend allein.

Das war nicht überall so.

Am Wochenende war Ridley Ferundula aufgetaucht. Nicht zum ersten Mal. Diesmal hatte er sich jedoch auch bei Dembowski vorstellen können, nachdem dieser beim ersten Mal gerade ein Stuhl über Hagenberg-Scholz zerbrochen hatte.

Ein Rowdy, hatte sich Ferundula gedacht. Das war ganz nach seinem Geschmack. Benimmregeln waren auch dem Ungarn fremd. So hatte er sich über die Jahre zu einer veritablen Größe auf dem heimischen Spielermarkt entwickelt. Jetzt, nach ein paar Deals mit unterklassigen englischen Vereinen, wobei gerade der Transfer des moldawischen Messis Alexandru Alexandru zu Dover Athletic auf größtes Interesse der Hauptstadtpresse gestoßen war, wollte er den Sprung auf den deutschen Markt wagen.

Ferundula war kompakt, hatte schwarze, lange Haare. Die Hosenträger spannten sich über seinen schwarzen Pullunder. Darunter trug er ein weißes Hemd. Er war, soweit man das erkennen konnte, recht seriös und schwor auf Szegediner Gulasch. Der Mitvierziger lebte momentan auf einem Hausboot einer Ausbuchtung des Berlin-Spandauer Schifffahrtskanals. Dort hielt er seine Angel ins Wasser, sah auf die Stadtautobahn, und ging am Abend auf einen Absacker in die Pinte am Plötzensee.

Wenn die Sonne unterging, Reinhard Mey sein „Gute Nacht, Freunde“ sang, wartete er noch einem Moment auf die Wirtin. Er liebte ihre Berliner Art. Sie nannte die Dinge beim Namen. Meist schrie sie: „Zurück aufs Hausboot! Ich hab Feierabend.“ Dann ging er. Auf dem Boot saß er noch eine Weile draußen, blickte auf die schwarzen Wellen. Manchmal stieg über der Jungfernheide ein Flugzeug auf. Meist jedoch landeten sie. Dann konnte er sie nicht sehen, nur bei günstigem Wind hören.

Es war ein geruhsames, nahezu erfülltes Leben, doch wollte er mehr. Manchmal träumte er von einer Farm im Oderbruch. Er wollte Spuren hinterlassen, wenn er auch sonst keine großen Ansprüche stellte.

Dembowski sollte sein Verbindungsmann werden. Viel hatte er bereits über den Ermittler gelesen. Auch wenn dieser es nicht wusste, so hatten ihm sein Reus-Deal Respekt und seine ablehnende Haltung als Berater beim Kagawa-Transfer die größte Anerkennung der osteuropäischen Spielerberaterbranche eingebracht. Die Ernennung zum Ermittler des Jahres hatte große Wellen geschlagen.

Die Aberkennung des Titels durch Ayse Güllü war hingegen untergegangen.

Allgemeinhin galt Dembowski als Türöffner für den deutschen Markt. Allein am Mut zur Kontaktaufnahme mangelte es den meisten Agenten. Dembowskis Wutausbrüche waren legendär. Dass sie sich meist gegen Hagenberg-Scholz richteten, war bislang noch nicht über die Landesgrenzen gedrungen.

Ferundula hatte keine Angst. Er war anders. Gestählt von seinen Treffen mit den größten Stars des Fußballgeschäfts.

Am Samstag war er mit der Tram die Seestraße entlang. Auf der Fahrt legte er sich seine Strategie zurecht. Er musste Dembowski über Schill knacken. Den Wirt konnte durch Lob für seine Buletten knacken. Das tat sonst niemand. Das wusste Ferundula.

Osloer, Ecke Prinzenallee raus. Erst Borussia gegen Borussia. Dann Hamburg gegen Wolfsburg. Wie gemacht für die Verhandlungen im Soldiner Eck.

Dort hatte sich bereits die übliche Spieltagsmischpoke.

Dembowski lungerte am Tresen rum, manchmal auch dahinter. Das hatte praktische Gründe. Hagenberg-Scholz pflegte sein Leben in den sozialen Medien. Schon in den späten 90ern hatte er mehrere Tamagotchis gleichzeitig bedient. Er hatte früh gelernt. Jetzt war er ein Meister. Und ein Trendsetter.

Schill stand vor der Tür. Er rauchte. Begrüßte die eintrudelnde Gäste per Handschlag. Jasmin Malchow war bereits schwer angeschlagen.

„Job weg“, kommentierte sie schulterzuckend.

„Wieso?“

„Ich bin besoffen in ne Live-Sendung gestolpert. Kam wirklich nicht gut an. Egal: Nur der HSV!“

„Nur der HSV!“

Als Malchow und Schill in die Kneipe stolpernd, als Ferundula gerade in die Soldiner bog, stolperte Hummels, und Wendt staubte ab.

„Verdammte Scheiße! Ich halte das nicht mehr aus.“

Dembowski rannte vor die Tür. Hagenberg-Scholz zitterte jetzt nicht mehr.

„Das war das dritte Gegentor in der ersten Minute“, verkündete er nicht ohne Stolz, und durch die Abwesenheit Dembowskis auch: Ohne Furcht.

„Halt’s Maul, Justin!“ schrie Schill.

Aber Hagenberg-Scholz hörte nicht. Die Spiele waren für ihn Stress. Er musste Laufwege erkennen, er musste die Schwachstellen ausmachen. Er musste die Schnittstellen erahnen, Pässe voraussehen,  und Fehler statistisch erheben. Damit hatte er in der laufenden Dortmunder Saison, eigentlich bereits mit Hummels, genug zu tun.

Er war Teil der Vermessung des Fußballs. Das war seine ihm zugedachte Rolle. Darin ging er auf.

Vor der Tür trat Dembowski einmal gegen einen alten Wartburg.

„Scheiß Hipster! Scheiß Hummels! Scheiß Saison!“

Ferundula nutzte die Gelegenheit. Er schlüpfte unbemerkt in die Kneipe. Jetzt bloß keinen Fehler machen, dachte er.

Er bestellte ein Bier. Ankommen.

Hummels attackierte früh, zu früh. Wie so oft. Den Ball eroberte er nicht. Wie so oft. Unter dem Geleitschutz der Dortmunder Spieler stürmte Patrick Herrmann über das Spielfeld. Er erblickte Weidenfeller, sah Raffael und schob die Pocke rüber. 2:0. Game over. Hagenberg-Scholz hämmerte seine Erkenntnisse in die Welt. Malchow starrte auf den Fernsehern.

Ferundula verwickelte Schill in ein Gespräch. Buletten, Bier und HSV. Seine Welt. Das gab er vor.
„Hamburg ist momentan die beste Adresse für junge Spieler! Die haben ein klares Konzept. Die geben den Youngstern Zeit. Wer sich da durchsetzt…Übrigens: Diese Buletten ausgezeichnet.“

Dembowski beäugte ihn. Er nahm noch ein Schluck aus der Kronen-Flasche.

„Auch nen Hamburger? Es geht immer noch schlechter.“

Aber der Berater schwieg.

„So geht das nicht weiter“, kommentierte er nach einiger Zeit fachkundig.

Er sah: Dembowski verzweifelte an Sokratis, zuckte bei jeder Ballberühung Gündogans zusammen. Etwas war zerbrochen. Und Ferundula hatte den Kitt.

„Ferundula, Ridley Ferundula. Sie müssen Dietfried Dembowski sein?“

„Toller Name! Was willst Du?“

„Dietfried, ich bin wegen…“

„Alter, Schill! Seit wann Duzen mich hier alle? Mach ma nen Bier. Und für Dich bin ich immer noch Herr Dembowski, mein lieber Rick!“

„Ridley. Ich bin Spielerberater.“

„So siehste auch aus. Unfassbar. Meinst Du das mit den Hosenträgern eigentlich ernst?“

„Naja. Schon. Egal. Ich würde gerne mein Portfolio erweitern. Trainer. Die sind das große Ding. Und da kommen Sie ins Spiel, Herr Dembowski. Ihnen sagt man beste Verbindungen hoch in die Führungsetage der Dortmunder Borussia nach. Und, Hand aufs Herz, Klopp muss weiter. Seine Zeit ist um. Wenn Sie sich diese Saison anschauen, dann müssen auch Sie gestehen: Er ist auf ganzer Linie gescheitert! Die Transfers müssen wir ihm anlasten, wie auch seine saloppe Art, seine Kritik an Außenstehenden, die zunehmend unter der Gürtellinie ist. Sogar der große Pep hat nur den Bus geparkt. Das reicht. Immer. Weil nichts passiert. Weil niemand mehr will.“
Nordtveidt erzielte das 3:0. Doch niemand sah hin.

„Hey Justin, komm mal rüber. Noch so ein Spinner hier! Bring Deine Gadgets mit!“
Hagenberg-Scholz packte seinen Kram zusammen.

„Was ist das für ein Vogel?“

„Hagenberg-Scholz, angenehm.“

Schill, Justin, und Dembowski standen um Ferundula herum. Malchow stand interessiert vor der Jukebox. Aber drückte nichts.

„Also“, holte Ferundula aus. „Ich habe da einen großen englischen Verein an der Angel. Verbindungen. Ihr kennt das. Die suchen Inspiration.  Die wollen jemand mit Erfahrung. Und, ganz ehrlich in der Szene erzählt man sich längst, dass Klopp gehen will. Eine Auszeit. Ding! Dong! Wer hat da geläutet?“

„Wer erzählt so ein Scheiß?“

Dembowski wurde ungeduldiger, Hagenberg-Scholz checkte seine Datenbanken auf belastbare Fakten, Schill schob dem Ermittler ein Bier rüber, Malchow drückte einen alten Gameface-Song, das war ihr Leben gewesen, Gündogan erzielte den Ehrentreffer. Malchow ausdruckstanzte gedankenverloren. Damals, dachte sie.



„Zlatan!“ sagte Ferundula ehrfürchtig.

Kehl und Klopp schrien sich an. Das Spiel endete.

„Siehste. Da stimmt nichts mehr! Und Zlatan, Zlatan habe ich im Aufzug getroffen. Neulich. Bei Verhandlungen. Genauer kann ich da nicht drauf eingehen. Zlatan erzählt das“, sagte Ferundula jetzt mit mehr Sicherheit.

„Ich mach schon mal auf Hamburg. Nur der HSV!“

Malchow und Schill verzogen sich an einen Tisch. Sie dämmerten mit dem Vorprogramm dahin.

„Zlatan, really?“

„Du erinnerst Dich? Der war schon fast in Dortmund. Er will immer noch aus Paris weg. Doch vom BVB war auf einmal nicht mehr die Rede. Nach England. Einmal den Premier League-Titel gewinnen, das waren seine Worte.“

„Und?“

„Du musst mir helfen, Dembowski! Der BVB braucht einen Exit-Plan. Es muss eine saubere Trennung her.“

„Es gibt keine belastbaren Fakten! Klopp schafft das. Es gibt auch keine Alternativen. Wie ihr aus allem wieder einen Weltuntergang macht. Ihr wollt nur Blut, Blut, Blut!“ Hagenberg-Scholz schrie jetzt.

„Alter, Halt’s Maul!“

Das war Ferundula.

Dembowski lachte.

„Genau, Hagenberg-Scholz. Halt Dein Maul.“

„Gleich kommt der HSV! Wir drehen das Ding. Paderborn kann uns gar nichts.“
Schill war zu angespannt.

Ferundula stemmte seine Körper vom Barhocker. Mit diesem Quälgeist hatte er nicht gerechnet.
Aber Dembowski war schneller. Er baute sich vor Hagenberg-Scholz auf. „Kannst Du nur einmal etwas nicht in Frage stellen? Kannst Du nur einmal auf Deine Fakten verzichten?“

„Aber ich dachte, aber ich…“

„Lass gut sein. Ja. Wir haben Dich gefragt. Aber das hier ist ne dicke Nummer“, sagte er, und flüsterte „Der Ferundula ist ne Granate. Verstehe das..“

„Wieso sollte man einen Trainer nach sechs erfolgreichen Jahren anzweifeln? Nur wegen einem schlechten Jahr. Das kann immer passieren.“

„7“

„Was?“

„Die sieben Plagen der Endzeit, das verflixte siebte Jahr.“

„Herr Ferundula?“

„Ja“

„Was hat das mit Klopp zu tun.“

„Du willst nichts verstehen, Justin. Du willst es einfach nicht.“

„Nicht schon wieder“, schrie Schill, meinte aber die Hamburger Abwehr.

„Ridley, können wir uns vielleicht vertagen?“

Dembowski schmiss die Jukebox wieder an und sang:

„Ich schau lieber auf die Flammen. Bevor ich runterguck. Diamanten entstehen unter Druck. Gewachsen auf Beton!“


Hagenberg-Scholz hatte die Gunst der Stunde genutzt. Er war weg. Ohne zu kassieren. Er war stolz.

„Dembowski, jetzt mach diesen Mist aus. George ertrag ich nicht mehr. Der wollte neulich…Ach, Mist.“

Caliguri legte nach. Hamburg war ohne Chance.

Wenige Stunden später war Ferundula zurück auf seinem Hausboot. Er überdachte seinen Plan. Aber ohne Dembowski kein Klopp. Ohne Klopp war auch nicht so gut. Er würde am Ball bleiben, beschloss er.

Als er Dembowski am Montag erreichte, war dieser gerade auf dem alten Flakbunker am Gesundbrunnen.

„Es ist immer Krieg“, sagte der Ermittler am Telefon.

 „Deswegen muss man ihn immer gewinnen.“

Er rief bei einer Dortmunder Zeitung an.

"Schon gehört? Zorc hat die Kabine übernommen. Klopp hat sie verloren. Risse. Ich sehe Risse."

Donnerstag, 9. April 2015

der mann im schlafanzug



Dembowski blickte in den Sonnenaufgang.  Die Aussicht beruhigte ihn. Die Oder kam aus dem Süden und floss in den Norden. Die Sonne wanderte von Osten in Richtung Süden, ging im Westen unter. Das sah er nicht. Immer nur den Sonnenaufgang.  Manchmal auch die Wolken, und wie sie sich auftürmten. Grau, mächtig. Schwarz, bedrohlich. Weiß, schüchtern.

Sein Zimmer im 13.Stock des Plattenbaus war spärlich eingerichtet. Ein Stuhl, ein Tisch, eine Couch, ein Bett, ein Plattenspieler, eine kleine Küchenzeile, ein großes Fenster. Mehr gab es nicht. Brauner PVC-Boden in Kacheloptik, eine Sonnenblumentapete. Mehr war da nicht. Nur das große Fenster. 

Meist blickte Dembowski hinaus

Manchmal spazierte er gegen Abend, wenn sich der Verkehr beruhigt hatte, über die Friedensbrücke nach Slubice. Auf der polnischen Seite hatten die Läden 24h geöffnet. Wenn er nicht wollte, musste er nicht sprechen. Sie verstanden ihn ohne Worte. Hin und wieder trank er auf einer der Bänke an der Uferpromenade ein Bier. Dembowski beobachtete die Crack-Raucher, die stumm ihre Alufolien erwärmten, und in ihre eigene Welt verschwanden. Sonst blickte er auf die weitläufigen Auen, und die Oder, die langsam in Richtung Ostsee mäanderte. Dabei verschwand die Sonne, dabei legte sich die Dunkelheit über die Grauschleier des Tages. Er war bei sich.

Einmal hatte er in einer der Bretterbuden auf der polnischen Seite Dziwny jest ten świat von Czeslaw Niemen entdeckt. Von Zeit zu Zeit legte er das Album auf.




„Seltsam ist diese Welt, in der es immer noch so viel Böses gibt, und seltsam ist, dass seit so langer Zeit der Mensch den Menschen verachtet. Seltsam ist diese Welt, die Welt der Menschen, manchmal schämt man sich, es zuzugeben, und doch ist es oft so, dass jemand mit einem bösen Wort tötet wie mit einem Messer. Doch Menschen guten Willens gibt es mehr, und ich glaube fest daran, dass diese Welt dank ihnen niemals untergehen wird. Nein! Nein! Nein!“

Das sang Niemen. Und:

„Es ist Zeit, höchste Zeit, den Hass in sich selbst auszumerzen.“

Sonst umgab ihn die große Stille. Er las keine Zeitungen, er hörte kein Radio, er hatte kein Internet, und auch kein Fernsehen. Sein Telefon lag in der Soldiner Straße.  Er musste zur Ruhe kommen. Nur Dörte wusste von seinem Aufenthaltsort. 

Niemand würde ihn vermissen, und so war das schon irgendwie okay.

Das große Fenster mit Blick über die Oder war seine Erlösung. Wenn er nicht in Polen war, ging er mit Einbruch der Dunkelheit zur Bett und wachte mit den ersten Sonnenstrahlen wieder auf. Wenn er nicht Niemen hörte, stand er am Fenster und sah einfach in diese seltsame Welt hinaus. Fragte sich, was sie mit ihm gemacht hatte, und wieso. Dort draußen spielte er seine Rolle. Doch er würde sich ändern. Er würde nicht mehr so viel trinken, er würde nicht mehr ausfällig werden, er würde andere Meinungen akzeptieren. Und: Er würde wieder Aufträge annehmen.

All meine Fehler liegen in der Vergangenheit, dachte er eines Tages. Er ging noch einmal zur Oder hinunter, legte die Niemen-Platte auf eine Bank. Er setzte sich auf die Stufen neben der Glocke und blickte ein letztes Mal in den Himmel. Auf der anderen Seite beobachteten ihn zwei Angler. Dembowski trank ein Bier. Ein paar Wolken türmten sich über ihm auf. Er bemerkte die Abwesenheit der Sonne, nicht die Angler, die ihm jetzt zuwinkten.

Es war der Tag nach Ostern. 

In seiner Abwesenheit war ein Flugzeug abgestürzt, und eine neue Empörungswelle durch das Land gerauscht. In seiner Abwesenheit beharrten die Kriegsparteien in der Ukraine weiter auf ihre Unschuld. In seiner Abwesenheit wurde aus einem Mittelfinger eine Staatsaffäre. In seiner Abwesenheit hatten Flüchtlingsunterkünfte gebrannt. 

In seiner Abwesenheit hatte sich die Welt, kurz gesagt, weitergedreht.

In seiner Abwesenheit hatte sich auch der Dortmunder Aufschwung verflüchtigt. In seiner Abwesenheit wurde weiter über das Ende des Fußballs spekuliert. National bedrohten die Bayern, und die VW-Mafia den Sport, international die großen Verbände, unter die sich, oh Wunder!, nun auch die von Rummenigge geführte ECA gemischte hatte. Es gab weiterhin Gut und es gab weiterhin Böse. Jeder war Gut, und niemand war Böse. Über Nichtigkeiten diskutierten immer nur die anderen.

Es war der Tag nach Ostern, Dortmund spielte im Pokal. Er wusste noch nicht, dass es die letzte Chance war.

Am Alexanderplatz stieg er aus der Regionalbahn, nicht ohne sich im Zug mit einer damenbärtigen Weltverbesserin anzulegen – er hatte seine Bierflaschen in die Ablage gelegt und seine Gegnerin diese als zielgerichtete Waffen enttarnt, so dass er sie letztendlich genervt auf dem Bahnsteig entsorgte. Er ging die wenigen Meter bis zur U8, verschwand im Untergrund. Pankstraße raus. Der alte Weg. Gewachsen auf Beton. Die Prinzenallee hoch. Wettstuben, Gemüsehändler, Metzger, Friseure, Dönerläden, Tankstelle. Die Tapas-Bar. Ein paar Dealer. Hier war nicht der Himmel grau, hier waren die Menschen grau. Hier war Dembowski zuhause, daran würde auch das größte Fenster der Welt nichts ändern.

Die Soldiner Straße war wieder mal aufgerissen. Vor einem der Cafés spuckten ein paar Sintis Sonnenblumkerne auf die Straße. Weiter hinten hörte Dembowski einen Ball an die Wand schlagen. Ein paar Jungs zockten auf der Straße. Einer war Jerome, und einer war der Prince, und einer war Cristiano und einer war Messi. Am Rande hockte einer mit einem Lahm-Trikot. Er blickte betrübt auf die, die den Ball jagten und lachten.

„Falsches Trikot! Das wird schon“, sagte Dembowski und lächelte.

Der Briefkasten quoll über. Der übliche Behördenkram, ein paar gelbe Briefe, weniger dringende Zahlungshinweise. Ein paar Einladungen. Ein drohender Brief von Ayse Güllü. „Sie haben Ermittler Heute! blamiert“, schrieb sie „und mich!“  Nichts im Leben war diese Aufregung wert, dachte Dembowski. Das Spiel der Wolfsburger verfolgte er im Radio, brachte sich dabei auf den neuesten Stand der Nachrichten.

Pünktlich zum Anpfiff schlich er sich die Treppen runter. Schill, Schill, Schill. Er würde ihn schon reinlassen.

„Gottseidank! Du bist wieder da Dembowski“, umarmte ihn der Hamburger, und nickte in Richtung Ecktisch. Justin Hagenberg-Scholz hatte wieder seine Technik aufgefahren. 

„Der macht jetzt in Real-Time-Taktikanalyse. Ich halte es nicht mehr aus. Räume, Linien, Verschieben, das mag er gerne, da schreit er immer, und macht sich sodann fleißig Notizen. Ich komm da nicht mit. Gegen Bayern hat er brillante Dortmunder gesehen, denen im letzten Drittel die letzte Klarheit gefehlt hat, die manchmal vielleicht die falsche Entscheidung getroffen haben. Und: Sie haben Zinnbauer entlassen. Einfach so. HSV Joe! Gone. Knäbel is dran.“

„Alter, hör auf zu lamentieren. Mach mal nen Bier, was trinkt Hagenberg-Scholz da?“

„Craft Beer, local brew, von der local crew. Crazy shit!”

“Geht’s noch? Starkbier statt craft beer! Mach klar!“

„Ja. Sorry. Die Kunden, ähh, Justin wollte das so. Was soll ich machen?“

„Kein Ding, schieb rüber!“

Das Spiel ging los, und Dortmund sogar in Führung. Für wenige Minuten. Hagenberg-Scholz hatte ihn immer noch nicht bemerkt. Welche eine Erleichterung. Volland traf, Subotic patzte, Dortmund stümperte in die Pause. Dembowski begrüßte Hagenberg-Scholz.

„Real-Time-Taktikanalyse, really?“

„Dietfried…Ja.“

„Für Dich immer noch Herr Dembowski!“

„Dietfried. Das ist mein Ding, was ich hier mache.  Und ich mach das richtig gut. Hab schon wieder neue Follower auf Twitter, und einmal hat jemand mein Analyse in nem Text verwendet.“

„Stark! Du machst das richtig gut. Tolle Nachrichten.“

Dembowski trat gegen den Stuhl, Hagenberg-Scholz lag auf der Erde. 

„Nicht schon wieder“, schrie Schill, und „was soll das?“ fragte Justin. 

„Hab da so ein Ding entwickelt. Tretimpact! Bin da bei 184. Kannste im Internet nachschauen.“

Justin hangelte sich am Tisch hoch.

„Welche Seite, Dietfried?“

Schill brachte eine neue Runde Bier, ermahnte Dembowski zur Gelassenheit.

In der zweiten Halbzeit stürmte der BVB auf das Hoffenheimer Tor. Es sah gut aus. Aber die Tore wollten nicht fallen. Einmal passte Mkhitaryan mit der Hacke. In den leeren Raum. Die Kamera zoomte auf seine traurigen Augen.

„Der würde als Pilot in kein Flugzeug kommen. Schau Dir den mal an.“

„Dietfried, jetzt gehst Du zu weit. Das darfst Du nicht sagen. Denkst Du gar nicht an die Opfer? An die Familien? An die menschlichen Tragödien? Wie kannst Du nur?“

Schill holte gerade aus, als Dembowski jubelte. Aubameyang nach Flanke Durm. Hagenberg-Scholz sprang auf, und wich so gerade dem Schwinger von Schill aus.

„Glück gehabt“, murmelte der

„Wieso. War ne super Flanke. Durm bringt da echte Weite rein. Guter Mann. Hatte ich neulich auch mal ne Beobachtung zu aufgeschrieben.“

Noch einmal kam Hoffenheim auf, aber Dortmund taumelte in die Verlängerung. Dort passierte nichts. Dann kam Kehl. Zog aus 28 Metern ab. Zosch. Drin. 3:2. Hoffenheim besiegt. Dembowski back.

„Um noch einmal auf diese Pilotensache….“

Er hatte drum gebettelt. Schill und Dembowski schmissen ihn raus. 

Sie wollten danach noch in die Goldene 16. Der Wirt öffnete im Schlafanzug. „Wir haben geschlossen“, sagte er. 

"Du im Bademantel, der im Schlafanzug. Hier läuft irgendwas falsch." 

"Ja, Du", sagte Schill. Er schubste den trunken Ermittler. Dieser stürzte gegen eine Wand. Halb so schlimm. 

Die beiden Freunden tranken noch ein Bier im Gehen. Der BVB war im Halbfinale, hatte das Leiden verlängert. Aber ging es nicht genau darum? Die Ruhe war dahin.

Schill hielt die Rückkehr Dembowskis mit einer Kamera fest. Er war glücklich.