Montag, 15. September 2014

über kevin großkreutz

Wie ein Spiel alles veränderte.

Noch vor nicht allzu langer Zeit war unser Held ein Wrack. Mit seiner Borussia ging es spätestens nach der Reus-Verletzung zu Ende, die Kagawa-Rückkehr war der letzte Sargnagel. „Ein Marketinggag, ein Sargnagel!“, Dembowski hatte es immer wieder laut aufgesagt. Und es war nicht weggegangen. Und nichts hatte sich im Kopf verändert. Es war nur noch dunkler. Es war nur schmerzhafter. Der Aufstieg und Fall der Borussia. An einem kleinen, wendigen Japaner festgemacht.

Er hangelte sich von Kneipe zu Kneipe. Der traurige Held nannte es „neue Freunde machen“ und war sich doch bewusst, dass sie bald wieder verschwinden würden. „Solange ich trinke“, schrieb er auf ein zufälliges Stück Papier, „bin ich nicht allein.“

Auch auf der Lamafarm liefen die Dinge nicht nach seinen Vorstellungen. Dörte vertrieb sich die Zeit scheinbar nicht nur mit den Lamas, sondern pflegte wieder Kontakt zu Piotr. Dieser Konstrukteur, dessen Rolle Dembowski auch nach Jahren nicht wirklich logisch erschien. „Was plante er, warum plante er, und warum konnte er in der Zeit reisen?“ Das waren die Fragen, die sich der Ermittler immer wieder stellte. Dann trank er ein Bier. „Zur Beruhigung“, sagte er und verfing sich immer tiefer in seinem Schmerz.

Nur Koi, der einsame Karpfen, hielt ihm zu diesem Zeitpunkt am Leben. Der stille Begleiter, der so dankbar am Ufer wartete, aus einer Böschung hervorstieß und ihn begrüßte. Immer. Egal, wie er sich fühlte. Egal, aus welcher misslichen Lage er sich wieder auf die Lamafarm gerettet hatte. 

Aber dieses eine Spiel hatte ihn wieder aufleben lassen. Klar, Dembowski hielt die Kagawa-Rückkehr immer noch für ein Marketinggag, aber es war ein sehr guter. Denn der kleine Japaner entschied nicht nur das Spiel gegen Freiburg, sondern vielmehr war es auch das große Comeback des Kevin Großkreutz.

Hinten rechts war für den Dortmunder nichts mehr zu holen, das wusste Dembowski. Nicht mit Piszczek, nicht über die Dauer einer Saison. Und im Mittelfeld gab es immer bessere Spieler. Immer. In jedem Jahr. Doch niemand sah, wie Großkreutz sich aufrieb, wie er sich bewegte und wie er auch für Kagawa der Anker im Spiel der Borussia war.

Die Tür bei der Nationalmannschaft war zu, auf welcher Position auch immer, dafür war er Bundestrainer Löw einfach zu egal. Und auch bei der Borussia lief er natürlich Gefahr, zu einem Lukas Podolski zu werden. Kevin hatte da kein Bock drauf, und kämpfte. Auch deswegen, und nicht nur weil sie Freunde waren, bedeutete ihm Kagawas Heimkehr so viel. Das bewunderte Dembowski an Großkreutz.

„Wenn Sie eines Tages Großkreutz wegjagen, gehe ich nicht mehr in Stadion“, hatte der Ermittler zu Hauke Schill gesagt, aber der war, so sehr er sich auch freuen wollte, weiter in tiefen Hamburg-Depressionen, nickte nur.

Und so bewegte sich die Ermittler-Welt an diesem Samstag wieder in eine neue Richtung. Dörte, dachte er sich, würde es schon richten, und irgendwann vielleicht einmal die Wahrheit über Piotr erfahren. Für Dembowski war Piotr ein Störfaktor, ein undurchsichtiges Element in einem Spiel, das er nie hatte spielen wollen. Er konnte es nicht ändern. Und Reiser, so glaubte unser Held ganz fest, ja, er drückte sogar seine Daumen, war tot. Egal, was Piotr auch erzählte.

Aber Kevin sei Dank glaubte Dembowski wieder an sich.


„Eine Woche kein Alkohol“, schrieb er an die Küchenwand seiner neuen Wohnung. Unten spielte Hilde auf. Sie war gerade wieder bei Denkmal angekommen. Dembowski ging ins Bad, pisste einmal in den Sandeimer, und öffnete das Wohnzimmerfenster, und schüttete den Eimer über der Straßensängerin aus. Doch noch war er zu betrunken. Ab jetzt aber wollte er an seiner Präzision arbeiten. Gegen die Straßensänger und damit er endlich wieder Erfolge feiern konnte. 

Sonntag, 14. September 2014

kommst du mit, wir gehen zum haudegen-konzert?


“Kommst Du mit, wir gehen zum Haudegen-Konzert?”, fragte der Typ in der Bar. Schill sah ihn sich genau an. „Schöne Jacke. Freiwild, was?“ „Geile Band!“. Schill warf ihn raus. Es war Samstag. Dembowski gerade weg. Er wollte jetzt seine Ruhe haben.

Die Flaschen waren schnell weggeräumt. Jetzt noch ein Tee. Den Bademantel an. Und den Laden schließen. Das große Spiel gegen den kleinen HSV immer vor Augen. Ohne Adler, das war ihm klar. Ohne Van der Vaart.

„And after all you’re my wonderwall.“

Sie war wieder da. Dreadlocks. Gitarre. Wonderwall. Danach. Viel zu lange, mit Euch mitgegangen. Die Vorbotin der Hölle. Sie kam jetzt häufiger. „Neukölln zieht nicht mehr,“ hatte sie ihm bei ersten Mal gesagt. „Hilde, mein Name! Ich mache Musik. Für Leute. Sie sollen sich frei fühlen.“

„Halt die Schnauze“, schrie jemand aus dem Fenster, und gegenüber hatten sich ein paar Kids versammelt. Starrten sie an. „Was will die Alte?“ Sie war jetzt hier. Ließ sich auch nicht vom Eimer Sand aus der Ruhe bringen, der neben hier einschlug.

„Wenn Du Deine Träume lebst, wenn Dein Leben passiert“, hatte sie Schill gesagt, „musst Du Anfeindungen aushalten. Leben ist das was passiert, während Du träumst. Und, Baby, wenn wir alt sind, werden wir uns an diese Momente erinnern.“

„Mit Dir werde ich sicher nicht alt.“

Doch sie hatte sich nicht vertreiben lassen. Vor dem F, so erzählte sie, seien die Leute aufgeschlossener. Nur einer nicht. Dieser Justin, der sich im ersten Stock über der Bar eingerichtet hatte. Auch hier. Wüste Beschimpfungen.

„Lassen Sie unsere Familie in Ruhe. Wir wohnen hier.“

Und dann die Gespräche. Über „dit wahre Berlin“. Wie sich herausgestellt hatte, war Justin gerade nach Berlin gezogen. Aber er kannte es bereits besser als andere Menschen dieser Stadt. „Authentizität“, hatte er immer wiederholt, und die fünf besten Currywurstburden der Stadt aufgelistet, Hilde auch noch in ein Gespräch über die Flüchtlingspolitik Berlins verwickelt.

Hilde war schon länger in der Stadt. Die Wellen der Stadtentwicklung hatten sie durch die Bezirke gespült. Erst war sie vor den Schönhauser Allee-Arkaden, doch dort war nichts mehr los. Einmal war sie sogar im Fernsehen aufgetreten. Sie war die Stimme der Stadt, das Wort war auf der Straße. Danach ging es nach Kreuzkölln. Manchmal am Maybachufer, und am Abend vor den Kneipen. Sie hatte ein paar eigene Lieder im Programm. Die Wunder und Verwicklungen der Liebe. Sie war besser als Annette Louisan, und sah sich in direkter Tradition der Rockformation Wir Sind Helden. Von denen hatte sie Denkmal im Programm. Es gefiel ihr. Es war nicht zu schwer, aber transportierte doch eine sozialkritische Botschaft. Sie erinnerte sich, dass die Holofernes sogar einmal für einen Moment zugehört hatte. Es war eine der schönsten Momente Ihrer Musikerkarriere. 

Im Soldiner Kiez gab es noch keine Holofernes, und noch keine Musiker. Außer ihr. Sie hatte den Bezirk entdeckt.  Hier würde es abgehen, und sie würde ein Urgestein sein. Sie sah sich bereits in der Zitty. „Mein Kiez – Hilde Verdens erklärt den Gesundbrunnen!“. Wedding, hatte sie gelernt, sagte man seit der großen Bezirksreform Anfang des Jahrtausends nicht mehr. Da lag sie mit Justin auf einer Wellenlänge. Sie mochte die Aufbruchsstimmung auf beiden Seiten der Osloer Straße. Manchmal hörte sie jetzt mehr Englisch als Deutsch, sogar als Türkisch. Sie war dabei. Sie war die erste, die den Bezirk für sich entdeck hatte.

Justin hingegen war besorgt. Er sah die Heuschrecken über die Stadt herfallen, und niemand, der sich wirklich wehrte. Alle waren gleichgeschaltet. Wo war „dit wahre Berlin“. Er wollte es finden. Aber auch Hilde konnte ihm nicht helfen.

Die stand immer noch vorm Soldiner Eck. Schill hatte jetzt die Jukebox rausgeholt. Scooter gegen Hippies. „Ich muss sie übertönen!“, hatte er den Vorbeilaufenden gesagt. Und Hilde sang jetzt: „Ich werd die schlechtesten Sprayer dieser Stadt engagiern. Die sollen nachts noch die Trümmer mit Parolen beschmiern.“

Sie mochte dieses Bild. Sie strich sich durch ihre Stoppelfrisur, rückte ihre Brille zurecht und steigerte sich bis zum „hol den Vorschlaghammer raus“. Das müsste man mal machen, dachte sie sich an der Ecke stehend. Das wäre radikal. Und, Baby, wenn wir alt sind, werden wir unseren Enkelkindern davon erzählen. Wir waren radikal, wir hatten Träume und haben sie gelebt. Wir waren Diener unserer Träume. Immer. Als die Stadt noch radikal war, waren wir die radikalsten. Unsere Rebellion war einzigartig. „Hol den Vorschlaghammer raus“, haben wir gesungen und sind durch die Straßen gezogen. Mit den schlechtesten Sprayern der Stadt. Wir waren wild. Und jetzt sind wir alt. Und haben unsere Erinnerung, wir haben gelebt.


Ein Eimer Wasser leerte sich über Hilde. Und Schill, im Bademantel, eine Tasse Tee in der Hand haltend, drückte jetzt KLF. 3am Eternal. Hilde lächelte. Es würde eine langer Kampf werden, aber sie war auf dem besten Weg. Der Gesundbrunnen war ihre Zukunft. Und das Feuer in ihrem Herzen noch lange nicht aus. 

Samstag, 13. September 2014

bvb 3 freiburg 1 - shinji!

Eine Drehung, eine kleine schnelle Drehung, mehr brauchte er nicht. Aber erst in Richtung Mittellinie laufen. Eine Drehung, zwei Gegner weniger, einmal den Ball streicheln, einmal noch berühren. Kevin startet, wie Kevin immer gestartet war. Er sieht das. Zart haucht er den Ball mit dem Außenrist in die Tiefe. Und austraben an der Seitenlinie. Die Augen auf den Ball. Während Kevin Ramos sieht und Ramos das Tor. Ein Lächeln. Die Arme deuten es an. Er klatscht mit Kevin ab.

Kevin holt sich den Ball ab, lief, sieht wieder Ramos. Shinji läuft. Unbemerkt. Die andere Seite. Er hebt seinen Arm. Ein Pass, noch einer in die Mitte, und Micki deutet es an, bleibt ruhig, lässt durch. 12 Meter, halblinks. Einmal schieben bitte. Einmal. Einmal noch. Die letzten Meter. Die Arme kreisen. Ein Sprung. Befreit, endlich befreit.  

Ich sprang auf, und sang Kagawa Shinji. Noch einmal, noch lauter. Schill war dabei. Wir hatten über Nacht den Laden dekoriert. Ein paar Flaggen aufgehängt. „WM-Ausverkauf bei Real“. Schill hatte es also geahnt. „Ich wusste es immer. Er wird frei sein.“ Schill war Hamburger, aber für Shinji machte er eine Ausnahme. Wir hatten uns geschminkt, Stirnbänder um. Zur Feier des Tages gab es sogar Krone Ex, und nicht die Schulle-Plörre, die von Tag zu Tag wärmer und schlechter wurde.

„Die grauen Herren. Sie hatten ihn fast erledigt. Sie haben ihm die Zukunft versprochen, und die Gegenwart gestohlen. Die grauen Herren haben ihm sein Lächeln geraubt.“

„Heroisch! Heroisch! Wie sie um ihn gekämpft haben.“

Ich konnte ihm die Wahrheit nicht sagen. Ich konnte Schill nicht aufklären. Nicht heute. Nicht an diesem Tag. Nicht an diesem, dem schönsten aller Tage. Er lächelte. Dann lachte er. Einmal, als niemand auf ihn blickte, sah er sich um. Stand er da. Im Mittelkreis des Stadions, das nur seinen Namen sang. Er lächelte. Wieso war er nur gegangen?

Auf der Tribüne des Stadions vibrierte ein Smartphone. „10.000 Trikots in Japan. In der Fanwelt stehen sie jetzt schon Schlange. Sie kommen aus allen Richtungen. Sie wollen das Trikot.“ Die Kasse klingelte. Ein Lächeln. „Alles richtig gemacht, Aki!“

„Er hat die ganze Zeit gelacht“, Klopp blieb ruhig. Wir waren das schon lange nicht mehr. Das Kronen floss in Strömen. Nur Schill und ich. „Der HSV packt das morgen auch“. So euphorisch war ich. „Ja, der kleine HSV“. Schill sah keine Zukunft mehr. „Wir haben van der Vaart. Ihr Shinji! Das sagt alles.“

Auf der Jukebox drückte ich Pilot. Wir sangen:

Oh, ho, ho, it's magic, you know. Never believe it's not so. It's magic, you know. Never believe it's not so


Draußen wurde es dunkel. Und glücklicher war ich nie. Echte kapitalmarktorientierte Leidenschaft hatte die grauen Herren besiegt.