Samstag, 23. Mai 2015

sonnenuntergang, humboldthain

Take me out tonight / Where there's music and there's people / And they're young and alive




Von hier konnten sie den Norden sehen. Es war ihre Himmelsrichtung. Kein Licht. Keine Bewegung. Nur kühle Dunkelheit.

Wanderten ihre Augen ein wenig in Richtung Westen sahen sie den Tower des Flughafen Tegels, und die Siemensstadt mit ihren letzten Werken, direkt vor ihnen lag die zweigeteilte Silhouette des Märkischen Viertels, und noch ein wenig weiter in Richtung Osten und noch weiter im Norden erhoben sich die Arkenberge.

Unter ihnen lag der schiffsförmige Bau des Gesundbrunnencenters (Werbung: Gesundbrunnencenter, mehr als ein Center!), an dessen weißen Mauern sich die Abendsonne spiegelte. Und im Herzen ihres Blicks lag die Stephanskirche, Prinzenallee, Ecke Soldiner Straße.

Langsam glitt ein Airbus A321 aus Richtung Hohenschönhausen kommend durch ihre Sicht. Umso größer die Maschinen waren, umso weniger bewegten sie sich in der Luft.

Die Flugzeuge lagen still über den Dächern der Bezirke und verschoben sich minutenlang immer weiter in den Westen, bis sie von den blinkenden Lichtern der Landebahn am Flughafen Tegel geschluckt wurden. Dahinter die Sonne, ein roter Ball, den jemand hinter die Erdkrümmung fallen ließ.

„Das war es! Verdammt, Olic, Du Fußballgott. Nur der HSV!“ sagte Schill, drehte sich um, und rannte die Treppen runter.

Ferundula und Dembowski blieben noch einen Moment. Auf der anderen Plattform sahen sie einige Touristen. 

„Studenten. Sie sind der Anfang. Wir sind das Ende.“

Auch Dembowski ging nun, aber nur wenig Schritte. Dann stürmte Ridley an ihm vorbei. 

„Der Flieger aus Madrid, verdammte Scheiße! Ich muss los."

Ein paar Tage vorher stand der Ermittler auf einem seiner Streifzüge durch den Kiez an der Ecke Prinzenallee, Badstraße. Die U-Bahn spuckte Pendler aus, die langsam an die Oberfläche krochen und im Schein der Neonlichter ihren Weg gingen. In der letzten Zeit hatten sich einige neue Gesichter unter die Bevölkerung gemischt.

Nicht nur die Afrikaner, nicht nur die Türken, nicht nur die Araber, nicht nur die Deutschen waren nun hier, sondern auch die Rollkoffertouristen, die sich auf die kurze Reise aus Kreuzkölln machten, um das echte Berlin zu erleben. Sie alle waren in Eile. Dembowski saß auf der Mittelinse. Sah den M27er. Sah die abbiegenden Lieferwagen. Sah die Leute im Yahala gebeugt über ihren Hähnchenbergen sitzen. Es war Dembowskis Lieblingsort. Dies war sein Tempo, dies war sein Läum und um ihn herum waren seine Leute.

„Dembo!“

Eine Hand legte sich auf seine Schulter. Dembowski zuckte.

„Schau nicht auf mich!“

Dembowski zuckte erneut. Er sah auf das Wandgemälde vor ihm. Jetzt war alles klar. Die Stimme war schleppend, ein wenig träge.

„Alter, Jerome! Was machst Du denn hier?“

„Boaclan! All our kindness was taken for weakness! Aber wir schlagen zurück. Der Prince ist auch da. Komm mit!“ Jerome rückte sich seine Brille zurecht.

„Die ist so scheiße.“

„Lass mich, Dembo. Ich bin Profi. Komm, wir müssen los.“

Auf dem Weg erzählte Jerome von den Ausrutschern im Pokal, von seinem Trainer, und wie wenig er überhaupt verstand, von dem, was der erzählte. „Manchmal geht es. Manchmal nicht. Die Stimmung ist mies.“

Sie waren jetzt an der Bibliothek. Der Prince wartete.

„Ermittler! Hast Du das mitbekommen? Suspendiert. Was ein Fake! Ich wollte abhauen. Jetzt das. George hat mir von diesem Agenten erzählt. Ich muss  mit ihm reden. Ich will zurück. Hertha, das ist es. Mailand, New York. Das bringt alles nichts. Ich bin müde von all dem Hass. Ich brauch ne Family. Hast meinen Frisörladen gesehen? Undercut! Kein Fake. Für die Familie.“


Die Wurzeln sind fest auf der Straße, die Krone reicht hinein in die höchste Etage

Dembowski zog eine Visitenkarte aus der Tasche. „Hier! Ruf halt an. Der wohnt auf nem Hausboot. Nen ganz kleines Licht!“

„Cool. Danke. Wir müssen.“

Aus der Ferne klangen die Beats. George war im Affenkäfig.

„Du kriegst mich nicht hier raus, ich bin hier zuhaus! Gewachsen auf Beton. Guck die Wurzeln sind fest auf der Straße, die Krone reicht hinein in die höchste Etage. Gewachsen auf Beton!“
Boaclan, Dembowski verstand.

„Ey, Jerome! Wasn eigentlich mit Dir? Auch Hertha?“

Aber sie hörten ihn nicht mehr.

Freitag, am Vorabend der Entscheidung. Die Vorhänge des Soldiner Ecks glänzten im letzten Kneipenlicht. Sie waren mit einer fein säuberlichen Nikotinschicht überzogen.



Dembowski stand an der Jukebox. Back to black.

„We only said goodbye with words. I died a hundred times. You go back to her, and I go back to black.“

Alle waren sie da.

„Klub der 27er. Kenn ich!“ schrie Marko.

Hagenberg-Scholz analysierte, Ferundula telefonierte, am Tresen saß Marko, drehte noch eine Zigarette, bestellte noch ein Schultheiss. Niemand sprach. Es war der letzte Tag.  Vor der Veränderung. Das wussten sie. 

„Ein Punkt, den werden wir schon holen! Den werden wir uns schon holen. Wirklich. Dardai macht das.“

„Alter, Marko! Hör auf zu heulen. Was soll Schill denn denken?“

Der Wirt schwieg. Suchte Justin, doch der Analyst war weiter in seine Daten vertieft. Der Fußball war  lange noch nicht vermessen.

Über den Bildschirm flackerten die Nachrichten. Der IS machte wieder Boden gut, der Bundestag besprach Gesetze mit wohlklingenden Namen, und, da sie unter Freunden waren, verschwiegen sie weiterhin das, was verschwiegen werden musste. Polizisten prügelten. Im Land brannten weiter Flüchtlingsheime. Einzelfälle. Blatter hat keine Gegner mehr. Die Lokführer hatten ihren Streik beendet.  

„Ich ertrag das nicht mehr. Wohin Du schaust Weltuntergang. Schlechte Gedanken, negative Gedanken. Das ist alles, was sie von uns wollen. Sie halten uns unzufrieden, damit wir kaufen. Sie machen uns Angst, damit wir uns absichern. Sie hetzen uns gegeneinander auf, damit wir nicht denken!“ Schill war wütend.

„Ey, wusstest Ihr, dass es im Osten keine Hunde gab?“

Marko, ein Alt-Rocker, dessen schüttere, graue Haare nicht mehr auf seine Vergangenheit hinwiesen, war seit einiger Zeit Teil der Soldiner Crew. Er war eines Tages einfach bei Schill reingestolpert, und saß seitdem am Tresen rum.

Erst schwieg er.

Dann, nach einigen Bieren, öffnete sich seine Welt.

Dann sprach er.

Immer.

Er war Berliner. Echter Berliner. „Aus Charlottenburg! Aber das ist der Wedding! Hier sind die Rocker!“ wie er bei seinem ersten Besuch angedeutet hatte.

Es war nicht ganz klar, ob Marko wirklich wusste, wo er war.

Aber er war da, und mit ihm seine Geschichten von der Route 66, vom Mauerfall, und langen Nächten vor 3 SAT. 

„Ich habe sie alle aufgenommen. Alle. Alles auf VHS! 214 Kassetten. Jetzt reißen mir die Leute, die aus den Händen. 500€ für ein Lady Gaga-Konzert. Frühe 90er. Vor 30 Jahren.“

Vorschuss gefällig? Ferundula war nicht mehr nur auf sein Hausboot angewiesen.

Die Geschichten unterhielten Schill, der nervös hinter der Bar saß, mal dies und mal das säuberte. Dembowski drückte Stairway To Heaven rein. Er wusste, dass es keinen langen Weg mehr geben würde, es keine Möglichkeit gab, die Straßen zu wechseln. Sie steuerten direkt auf den letzten Spieltag zu. Alles würde enden.

„No time to change the road your on“, sang er und gesellte sich zu Ferundula, der sein Gespräch beendet hatte.

„Was is los? Deals am Start, Ferundula?“

“Das war der Prince! Hertha! Ich? Ich! Der hat vor ein paar Tagen angerufen. Jetzt: Jeden Tag. Der Typ ist kein Fake! Der will das.”

Der Agent strahlte. Die Geschäfte liefen passabel.

„Wasn das fürne Idee? Wie soll das gehen? Hertha? Der Prince? Du?“

„Hertha, dit wärs. Alle kommen sie zurück. Erst der Prince, dann der Jerome. Die Alte von dem ist komplett durchgeknallt. Die haben hier gedreht gehabt. Diese Woche. Affenkäfig. Boaclan. Danach hat Jerome Lewandowski umgehauen. Erstmal aber einen Punkt in Hoffenheim. Das schaffen wir.“

„All our kindness was taken for weakness!” sagte Dembowski.

„Sach ma, Ferundula, ist das draußen eigentlich Deine Karre?”

„Vorschuss für den Hertha-Deal! Wenn ich nur den Preetz….“

 Dembowski aber hörte ihm nicht mehr zu. Seine Gedanken kreisten um die Klopp-Jahre, um die Kehl-Jahre. Das Ende, das für Klopp mit einem schallenden Lachen begonnen hatte, war nicht mehr nur absehbar, es war gekommen. Nie wieder Vollgas, nie wieder schauen, was dabei rauskommt. Dembowski hatte es gewusst. Bei der Kagawa-Verpflichtung.

Nix würde gut werden. Sie hatte es ihm nicht geglaubt, nicht glauben wollen. Aber es war so gekommen, weil es nicht anders kommen konnte. Der BVB war an seine Grenzen gestoßen. Er hatte sich im Kampf mit unbezwingbaren Gegner aufgerieben, schon in dem Moment, in dem sie den Kampf angenommen hatten. Sie wollten den Dortmunder Weg gehen, und hatten ihn ja tatsächlich bis zu Ende beschritten. Der Weg, das hatten sie und vielleicht auch eine Versicherung so gewollt, ging weiter. Bis in den April. Alles war vorbei.  Aber Dembowski würde stark bleiben. Einmal Vollgas, einmal Borsigplatz, und dann Tucheltime!

 Dembowski nicht allein. Die Vermessung des Fußballs, klar, die hatte Priorität, doch jetzt drehte sich bei Hagenberg-Scholz alles nur um den letzten Spieltag, um die letzte Möglichkeit zur Datenerhebung vorm nahenden Ende der Saison. Er würde mit zwei Sky Go-Accounts auflaufen. Anders würde es nicht gehen. Nicht hier.

Etliche Entscheidungen waren bereits gefallen, jetzt ging es nur noch um den Kellerkampf, und natürlich um den großen Abschied für Klopp, für Kehl. Den Einzug in die Europa League. Schill hatte sich zu Justin gesetzt. Am Tresen besprachen Dembowski und Ferundula den Hertha-Deal, Marko trank.

„Schill, ich muss Dir mal was zeigen. Es wird Dir nicht gefallen.“

Nach einigem Wischen hatte Hagenberg-Scholz die Grafik gefunden, Schill beugte sich über ihn.

 „Der HSV wird ohne Van der Vaart deutlich schlechter aufspielen, schließlich hat sein möglicher Ersatz Diaz einen wesentlich geringeren GoalImpact, Schill.“

Schill sah ihn kopfschüttelnd an. Seine Augenbrauen zuckten.

Justin war in Gefahr. Das spürte er. Hauke würde ihn attackieren. Nur eine Frage der Zeit.

„Don’t shoot the messenger, Hauke! Just don’t!“

Schill schwieg. Hagenberg-Scholzs Stuhl wackelte bedenklich. „Nicht schon wieder der Tretimpact!“ dachte Justin.

 „Schill, halt die Ohren steif, der Diaz oder du, einer wird abkippen. Nicht ich!“

Schill schwieg lange. 

„Gekonnt aus der Affäre gezogen, Hagenberg-Scholz.“

Er ging zurück an die Bar. Justin atmete auf. Jetzt war er sich sicher. Dembowski war die Ruhe selbst. Vor so einem Finale.

„Da sitzt er, dieser widerliche Fußballromantiker. Jetzt steht er. Sich seiner Sache sicher. Er wird es noch zu spüren bekommen. Er wird sein Fett noch wegbekommen“, dachte Justin, und war sich bald schon nicht mehr sicher, ob er nicht doch geredet hatte. Er blickte zum Ermittler. Aber der war weiter in sein Gespräch vertieft.

Für Hagenberg-Scholz war klar, dass BVB morgen straucheln würden. Weiche Faktoren wie die lähmenden Verabschiedungen von Klopp und Kehl, für die er sich nur in Ausnahmefällen überhaupt interessierte, denn sie hatten, das war sein fester Glaube, auf die Berechnung des Fußballs keinen Einfluss, wurden durch eine erschreckende Datenlage zu einer großen Gefahr für den BVB.
Nicht nur die Rückkehr von Weidenfeller sprach gegen einen Dortmunder Sieg, aber sie war, das dachte Hagenberg-Scholz, sicher ein Hauptgrund für das anstehende Scheitern.

„Ein Foul in Strafraumnähe, ein Freistoß von Junozovic, der bekanntlich 8 von 10 Freistößen verwertet und alles wird wie ein Kartenhaus zusammenbrechen“, dachte er.

Eine Niederlage, und die letzte Ausfahrt Pokalfinale würde zugleich zu einem Schicksalspiels für den Verein. Aber wie sollte in Berlin ein Sieg gegen statistisch übermächtige, zudem durchaus sympathische Wolfsburg gelingen?

„Wasn los, Justin?“

Hagenberg-Scholz hatte Dembowski nicht bemerkt. Er biss sich auf die Lippen. „Bloß nichts sagen, bloß nichts sagen“, dachte er. Er beließ Dembowski in seinem Glauben.

„Das wird schon, Dembo!“

„So sieht es aus. Fische putzen! Europa erobern. Tucheltime!“

Aber die Datenlage, das wusste Hagenberg-Scholz, sprach gegen die Borussia, sprach gegen Feldzüge. Alles war vorbei. Er sah es in seinen Tabellen. „Schill, bringste mir noch ein Chai-Latte?“
Ein Fehler!
Mit vier Mann stürmten Schill, Ferundula, Marko und der Ermittler auf ihn los. Es war zu spät. Tretimpact 201. Bisheriger Höchstwert.

„Diese Idioten!“ schrie Hagenberg-Scholz, und rannte um sein Leben. „Ihr werdet schon sehen! Das werde ich twittern! Shitstorm! 12.439 Follower!“

„Wasn dieses Twitter? Der arme Kerl. Kann nicht ma richtig saufen. Macht ihr das immer?“

„Marko. Twitter ist das neue Petzen. Und Hagenberg-Scholz will es so. Frag ihn das nächste Mal nach Hertha. Dann hast Du den ersten Tritt. Und den Shitstorm. Der hat erst diese Woche Barbara Eggert von der Westfalenpost abgeschossen. Starke Leistung. Ein echter Radfahrer!“

Langsam klang der Abend aus. Marko erzählte, und war bald allein. Der große Tag der Entscheidung. Der härteste Abstiegskampf aller Zeiten. Die Abschiede von Klopp, von Kehl; auch von Hamburg?
Auf den Stufen zu seiner Wohnung brach Dembowski zusammen. Koi, Koi, Koi. Er hatte ihn vergessen. Ging es ihm gut? Dörte, genervt, sagte ja. Es war spät. Die Arbeit auf der Lamafarm war kein Vergnügen. Sie legte wieder auf.

Spieltag. Endlich.

Das Soldiner Eck füllte sich. Schill begrüßte seine Gäste per Handschlag. Er trug seinen alten HSV Joe-Bademantel.  

„Wieso nur, Schill, wieso nur?“

„Joe hat uns Olic gebracht. Deswegen.“

"Hoffentlich steigt ihr ab. Unerträglich!"

Hagenberg-Scholz saß bei seinem Equipment. Ferundula und Marko an der Bar. Aber Dembowski setzte sich zu Justin. Heute waren sie alle Dortmunder. Die sieben Jahre Klopp, die 13 Jahre Kehl. Die Meisterschaften, der Fußball, der wilde Ritt, die Verluste, der Kampf, der letzte Tabellenplatz.
Im Dezember 2014, im Moment des freien Falls, hatte Klopp gesprochen. Abseits der großen Öffentlichkeit. Eher für sich.

„Krisen gehören im Fußball dazu, um den Erfolg wertzuschätzen. Wer auf die Geschichte zurückblickt, stellt fest, dass es das Schönste ist, sich rauszuarbeiten, wenn einen alle schon in Sack und Asche gehauen haben – später sagt man dann, wisst ihr noch, wie wir daraus eine geile Geschichte gemacht haben."

Das hatte Klopp gesagt, und jetzt, später, wenn man sagen konnte „wisst ihr noch“ und jetzt, da alles vorbei war, saßen sie 500 Kilometer entfernt. Das Westfalenstadion kam ohne sie aus, Klopp und Kehl kamen ohne sie aus. Sie waren einfach nicht. Auf die transportierten Bilder angewiesen. Fernsehsport Fußball. Sie brauchten sich.

 Es war zu viel Geschichte, es war zu viel passiert. Niemand konnte das alleine ertragen, dann stumpfte er ab. Fußball waren nicht 22 Menschen und jubelnde Menschen auf einem Bildschirm, Fußball waren die Begegnungen davor, Fußball war die Luft im Stadion, Fußball war laut, Fußball war größer als jede Fernsehkamera ihn jemals einfangen könnte, aber doch waren Hagenberg-Scholz und Dembowski darauf angewiesen.

Schill zeigte Konferenz.

Die Dortmunder schauten Borussia.

Sie waren fern ihrer Heimat.

Die Choreographie, die Gesänge, auch die frühen Tore. Sie sahen es durch einen verpixelten SkyGo-Schleier. So ging es vorbei. Es waren nicht ihre Momente. Sie waren zu weit weg. Sie konnten es nicht fühlen.

Zur Halbzeit erspielte sich der BVB ein 3:1. Kagawa, natürlich und ausgerechnet Kagawa, der das Ende eingeleitet hatte, ohne es zu wollen, traf und spielte wie 2012. Mkhitaryan hatte auf Autopilot geschaltet, und navigierte, Reus, Aubameyang. Das war alles stark. Sogar Weidenfeller konnte ungestraft Neuer sein.

Hertha lag zurück. Aber das war egal. Dazu liefen die Resulate zu sehr für sie. Marko erzählte ein paar Witze. Von China, einer Mauer. Und einem Lachen. Ferundula war am Telefon.
Schill saß still. Hamburg konnte nichts zeigen. Aber zur Halbzeit war alles offen. Freiburg lag zurück. Stuttgart hing in Paderborn mit einem 1:1 fest. Alles würde gut werden.

„Olic holt uns raus“, sagte Schill zu Dembowski, der in der Halbzeit jetzt auch einmal auf die Konferenz schaute.

„Sonst was passiert?“

„Nix. Freiburg verkackt es halt.“

Olic traf. Schalke blieb Schalke. Ein zusammengewürfelter Haufen ohne Willen, ohne Interesse an einer gemeinsamen Zukunft. Sie waren seit Anfang der Saison in der Zigarettenpause, und besprachen ihre Ausstiegsklauseln. Auch deswegen gelang Rajkovic schnell das 2:0. Hamburg konnte jetzt nur warten. Schill war ruhig. Als Stuttgart traf, und dann Hannover, war es ohnehin klar. Das große Finale plätscherte dahin. Klar: Freiburg traf noch einmal, aber das war es.

Der größte Abstiegskampf aller Zeiten endete mit den Absteigern Paderborn und Freiburg. Am Ende siegte immer die Bank. Streich war den Tränen nahe. Klopp und Kehl weinten. Im Westfalenstadion lief Jukebox-Musik. Hagenberg-Scholz und Dembowski lagen sich in den Armen. Von der großen Leinwand im Stadion sprach Klopp ein letztes Mal zu seinem Volk: "Alles wird gut!" sagte er. Es war ein späte Antwort.

Ferundula bekam davon nichts mit.

„Sami, der große Sami! Auch Hertha, sagt der Prince. Ich muss den später abholen. Flughafen. Komm wir fahren zum Humboldthain! Feiern!“

Schill schnappte sich ein paar Kisten Bier, an der Curry Baude am Gesundbrunnen organisierten sie sich noch ein paar Currypommes mit Majo. Dann hoch auf 61 Meter. Das Saisonende. Bier, Flieger, Sonennuntergang, Humboldthain.

Sie standen still. Hagenberg-Scholz, Dembowski, Schill, Ferundula. Es war ihre Saison. Es war die Saison des gefahrlosen Scheiterns. Die Heimat war weit, so weit entfernt. Und sie zogen mit dem Bier auf den Bunker. Sie waren Freunde, aber sie gingen ihre Wege. Hagenberg-Scholz an seinen Computer, Schill in seine Kneipe, Ferundula an seinen Job. Nur für den Ermittler war alles vorbei.

Er war jetzt ganz allein. Die Hände auf dem Rücken verschränkend spazierte der Ermittler die Serpentine hinunter. Manchmal erblickt er zwischen Bäumen einen Menschenauflauf auf einer der großen Wiesen des Humboldthains. Noch war das Licht des letzten Tages der Saison nicht ganz verschwunden, noch tickte auch die Uhr im Volksparkstadion. Dembowski nahm die letzten Stufen, vermied den Umweg über den Rosengarten. Immer mehr Menschen rannten in die Mitte der Liegewiese. Sie alle blickten zur Rundbogenpergola, die oberhalb der Wiese thronte.

Dembowskis Blick wanderte langsam, ganz langsam den Hang hoch und sah, was den Menschenauflauf hervorgerufen hatte: 

Dörte!

Sie saß auf einem Lama. Sie trug einen großen, durchsichtigen Rucksack und hielt in der einen Hand eine Borussia Dortmund-Fahne und ihre andere Hand klammerte sich um ein Megaphon. Sie sah Dembowski nicht, und ritt los.

„Wer muss das bezahlen? Nicht nur in Westfalen! Der ki-ka-kleine Mann muss an seinen Geldbeutel ran, aber ob er sich das leisten kann? Europapokal, Europapokal, Europapokal, Europapokal!“
Dembowski rannte los.

Als Dörte ihn sah, kurz bevor sie den Menschenauflauf am Ende des Hanges erreichte, sprang sie vom Lama, und rannte in seine Richtung. Auf dem Rücken einer großer, durchsichtiger Rucksack.  

Und im Rucksack: Koi!

„Ich habe gelogen. Er hat Dich vermisst! Alles wird gut!“

Koi huschte ein Lächeln über seine Lippen.

„Sommerpause“, sagte Dörte.

„Pokalfinale“, Dembowski.

Sie waren jetzt am Ende des Humboldthains. Sie saßen auf dem Lama. Dörte vorne, der Rucksack mit dem strahlenden Koi, ganz hinten Dembowski. Noch ein Schluck Bier, die BVB-Fahne wehte im Abendwind. Sie ritten in den Sonnenuntergang.





In einer Gastrolle: Der große Mucki spricht Hagenberg-Scholz

Mittwoch, 6. Mai 2015

stell die verbindung her

“Die Demo! Platz da!” Murat stürmte aus seinem Laden. Für Dembo und Schill war auf dem Bürgersteig kein Platz mehr. Sie trollten sich auf die Straße. Die Armee marschierte von der Prinzenallee kommend die Badstraße in Richtung Gesundbrunnen hoch. Dahinter die wehenden Fahnen der Revolution.

In den letzten Wochen hatte sich das Blatt für die beiden Freunde gewendet.

Der HSV marschierte unaufhaltsam in Richtung Klassenerhalt. Ja, Bruno Labbadia, die letzte Patrone im Lauf der Dinosaurier, wirkte Wunder! Schill hatte es erwartet. Seit Tagen trug er bereits eine Bademantel-Sonderausfertigung. „Hamburg, und Hamburg only“ stand in großen Lettern über der Raute. Manchmal sah man ihn lächelnd und rauchend vor der Tür seiner Kneipe stehen. Ein seltenes Bild.

Seit der Ankündigung des Klopp-Abschieds waren auch in Dortmund wieder andere Zeiten angebrochen. Natürlich, spielerisch bekamen sie manchmal immer noch wenig auf die Kette. Die Ergebnisse aber sprachen für den BVB. Beim Pokalspiel in München geschahen sogar Wunder. Nach hoffnungslosen 70 Minuten überschlugen sich die Ereignisse. Mkhitaryan drehte das Spiel, Peter Gagelmann erwies sich als überraschend wohlgesonnen für Klopp’s berühmtes letztes Vorhaben, und die Bayern-Profis als ungewohnt humorvoll beim anschließenden Elfmeterschießen.

Wie wir sehen, ging es nach einer langen Phase des Schmerzes für unsere beiden Helden endlich wieder aufwärts. Ihre Vereine zogen sich langsam, und durchaus überraschend, aus dem tiefen Sumpf der sportlichen Bedeutungslosigkeit. Rechtzeitig vor den entscheidenden Spielen. Rechtzeitig vor dem noch vor wenigen Wochen so gefürchteten Monat Mai.

Abseits des Platzes ging es ebenfalls aufwärts. Sie konnten nicht klagen. Nicht Schill, dessen Kneipe in den vergangenen Wochen einen unerwarteten Boom erfahren hatte, und auch nicht Dembowski, der mit Ridley Ferundula endlich wieder einen vertrauenswürdigen Geschäftspartner an seiner Seite wusste.

Gemeinsam bereiteten der Agent und der Ermittler die anstehende Transferphase vor. Sie würden Deals stemmen, von deren bevorstehenden Finalisierung niemand nur im Entferntesten etwas ahnen konnte. Sie waren die Taktgeber des internationalen Fußballbusiness.

Sie verschleierten Fährten, saßen in lichtdurchfluteten Geschäftsräumen, und genehmigten sich in der Abendsonne auf dem Holzsteg am Plötzensee einige Drinks. Mit dem Einbruch der Dunkelheit verschlug es sie in Soldiner Eck, wo sich Justin Hagenberg-Scholz weiter an der Vermessung des Fußballs versuchte.

Auch er, der nerdige Außenseiter in dieser hart trinkenden Welt machte allen Widerständen zum Trotz Fortschritte. Ferundula und Dembowski hatten ihn sogar einige Male um Rat gefragt. Was bei Kampl schief gelaufen sei, wollte der Ermittler wissen, der Agent schmiss ein paar Namen von osteuropäischen Talenten in den Raum.

Ein kurzer Klick, noch einmal die Filter markieren, das war es. Dann referierte er über den slowenischen Auswahlspieler Jan Mlakar, und erklärte die Schwächen des Georgiers Giorgi Arabidze, den er sich trotz alledem in einer der Bundesliga-Kaderschmieden vorstellen konnte.
War am Ende vielleicht doch nicht alles vergebens? Hagenberg-Scholz genoss die milde Frühlingsstimmung. Sie machte das Leben erträglicher.

Manchmal saßen sie in sich stets verändernder Konstellation im Campo Dembowski. Bei günstigem Wind vernahmen sie den Torjubel auf der Bezirkssportanlage, einem der letzten Außenposten dieser Fußballwelt.

Jetzt standen Dembowski und Schill auf der Badstraße. Gerade noch hatte ein heftiger Regenschauer die Luft gereinigt. Jetzt drückte sie Murat auf die Straße, und dort sahen sie erst die Armee der Polizisten und dahinter die Fahnen der Revolution.



„Lass uns abhauen! Murat ist irre“, sagte Dembowski.

Der Dönerverkäufer fuchtelte wild mit seinem Messer in der Luft, schrie die Parolen der Revolution. Einige Polizisten in Kampfmontur drückten sich knapp an seiner Machete vorbei.  Die Beats der Walpurgisnachtdemo hallten an den grauen Mauern der Westplatte wider.

Sie folgten dem schwarzen Zug die Badstraße hoch, immer weiter in Richtung Gesundbrunnen. Am Eurogida-Laden erblickten sie Hagenberg-Scholz. Er hielt eine Flasche Uludag in der Hand. „Gegen die Gentrifizierung. Gegen Rassismus!“ schrie er, doch sie sahen ihn nur und hörten ihn nicht. Ein Lautsprecherwagen verbreitete Tipps gegen Polizeigewalt, ein weiterer wetterte gegen das Schweinesystem.

Als sie die Brücke erreichten, drückten sich Dembowski und Schill an das neue Bahnhofsgebäude am Gesundbrunnen. Sie standen nun zwischen angespannten Hundertschaften, die den Demonstrationszug beobachteten. Das Ende des revolutionären Aufmarschs war nun absehbar. Am Ende des Zuges trug man Designersonnenbrillen und Adidas-Sneaker zu schwarzen Hoodies.

„Bullenschweine!“

„Armselige Penner!“

„Fuck the Police! Fuck the Cops!“

„Lass uns abhauen. Die sind irre“, sagte Dembowski.

Auf dem Rückweg gabelten sie Hagenberg-Scholz auf, der immer noch vorm Eurogida-Laden rumlungerte. Er war, das sagte er, geflasht von dieser revolutionären Wucht. Man sah es ihm auch an.

„Zeit, dass sich was ändert!“

„Zeit, dass sich was dreht!“

Zeit fürs Soldiner Eck.

Hotel California.

You can check out anytime you like, but you can never leave.

Wie oft hatten sie es schon gesungen, und wie oft hatte jemand “so ist es“ gerufen?



Am Wochenende gelang Hamburg der nächste Sieg, der BVB mühte sich zu einem Punkt in Hoffenheim. Bayern verlor. Alles normalisierte sich, so schien es.

Die Lokführer kündigten einen Streik an. Die NSA-Affäre breitetet sich aus, nur um schon bald wieder zu verschwinden. Die ARD berichtetet von den Machenschaften der FIFA. Niemand war mehr überrascht. Nicht von der GdL, nicht von der NSA, nicht von Merkel, nicht von der FIFA.

Das Land war gelähmt. Fußball war die Flucht. Das Unwohlsein, das Dembowski schon seit Beginn dieser Spielzeit spürte, verstärkte sich nur.

„Ich kann es nicht identifizieren“, erklärte er Schill. „Es ist da. Doch was es ist, kann ich nicht sagen.“

„In diesem Land war Uli Hoeneß ein Vertrauter der Kanzlerin. Was erwartest Du?“ antwortete Schill.

„Alles hängt mit allem zusammen.“

Sie hatten sich dem Rhythmus des Lebens ausgeliefert. Sie wussten, dass auch dieser Schatten vorbeiziehen würde. Jetzt aber standen sie auf der Bühne. Sie waren bedeutungslos. Das hatten sie erkannt. #

„Unser Vorteil“, schluckte Schill.

Dembowski stand an der Jukebox. Er drückte Stairway To Heaven.

Ferundula und Hagenberg-Scholz hockten über Spielerdaten.

Ein Telefon klingelte.

Dunkle Gewitterwolken rollten die Soldiner Straße in Richtung Osten hinunter.

Eine Propellermaschine steuerte Tegel an.

Dienstag, 21. April 2015

auch panzerwagen haben eine weiche stelle

Was bisher geschah:
Nach einer Auszeit in Frankfurt/Oder kehrt Dembowski zurück in den Kiez. Noch einmal denkt er an seine Worte zu Saisonbeginn.  Nichts würde gut werden, hatte er gesagt.  Alles war so eingetroffen. Hagenberg-Scholz hat in der Zwischenzeit seine Datenerhebung verfeinert, er vermisst nun den Fußball. Auch hat er Craft Beer für sich entdeckt. Auf dem Platz rauscht Dortmund in die nächste Krise, Schill besorgt sich einen neuen Bademantel. Nachdem die beiden Freunde nach einem der seltenen Dortmunder Erfolge in der Goldenen 16 abgewiesen werden, taucht im Soldiner Eck ein mysteriöser Spielerberater auf. Er überzeugt den Ermittler, der sich mitten in einem Krieg wähnt. Klopp muss Borussia Dortmund verlassen. So ist die Beschlussfassung. Dembowski ruft bei einer Dortmunder Zeitung an. Versetzt dem langjährigen Übungsleiter dadurch den Todesstoß.

Nach Dembowskis Anruf bei der Dortmunder Lokalzeitung, konnte auch der BVB das Ende nicht länger hinausschieben. Es dauerte noch einen Tag, dann griffen die üblichen Mechanismen des Geschäfts.

Die Wanderwelle wurde, sehr zur Freude Schills, in Hamburg ausgelöst. Für Peter Knäbel war das Experiment Bundesliga nach bereits zwei Spielen beendet, aber, obwohl der Vertrag nach Ansicht einiger dem Verein nahestehender Personen und ihren Sprachrohren bereits wasserfest war, weigerte sich Tuchel die Unterschrift unter den Vertrag zu setzen. Er hatte sich längst dem BVB versprochen, wartete nur auf das Zeichen.

Während der BVB auf der hastig einberufenen Pressekonferenz das Ende der Klopp-Jahre bekanntgab, Watzke heulte, aus einem Rücktritt eine nationale Tragödie und ein internationaler Transfer-Thriller wurde, saß Dembowski am Ufer des kleinen Teichs auf seiner Lamafarm im Oderbruch.

Dembowski beobachte Koi, und Koi beobachtete Dembowski.

Ein Winter war vergangen. Ein Winter ohne Dembowski.

Koi hatte sich zurückgezogen. Da es gerade nicht Sommer war, vergründelte er seine Zeit an den tiefsten Stellen des Teichs, der nach einer Erweiterung durch Dörte nun bereits zu einem veritablen Badesee angewachsen war. An einigen Stellen betrug die Wassertiefe nun 4.32m. Koi war geschützt, aber auch genervt von den Barschen, der neuen Kolonie dreistachliger Stichlinge und den Grasfröschen, denen die Baumaßnahmen einen neuen Überwinterungsplatz geschaffen hatten.
Dörte nervte ihn. Manchmal, wenn er morgens kurz auftauchte, sah er sie mit einem Lama über das Gelände der Farm spazieren. Doch ihr Interesse für Koi hielt sich in Grenzen, und Kois Interesse für Dörte schlug in Verachtung um. Für sie, dachte Koi, begannen die Lebensformen dieser Erde erst mit der Ordnung Paarhufern.  

Weil sich allerdings Koi trotz der neuen Gesellschaft im See ohne die Besuche Dembowskis sehr einsam fühlte, trieb er am Abend des 14.04. auf dem Rücken liegend an der Wasseroberfläche. Es war ein stummer, besorgniserregender Schrei nach Aufmerksamkeit. Dörte hatte den Ermittler sofort informiert. „Ich mache mir Sorgen um Koi“, hatte sie am Telefon gesagt und Dembowski war direkt am Morgen aus dem Haus gestürmt.

Jetzt saß er am Ufer und Koi beobachtete ihn. 

„Diese Einsamkeit“, schien er zu sagen. „Ich halte sie nicht mehr aus.“

Mit einer seiner Flossen zeigte er in Richtung Seeufer. Ein paar Grasfrösche sonnten sich.

„Was machen die denn hier? Das ist dein verdammter See. Und nicht der von dahergelaufenen Grasfröschen, und auch nicht der von Molchen, Stichlingen, Barschen. Möge Sie der Reiher holen!“

Dembowski war außer sich. Kois Augen strahlten. Er hatte den Choleriker vermisst. 

„Möge Sie der Reiher holen“, wiederholte er.

Irgendwann gesellte sich Dörte zu Fisch und Freund.

„Du musst Dich mehr um ihn kümmern. Er ist auch nur ein Karpfen.“

„Dietfried. Ich habe hier eine Farm. Eine ganze Farm. Und Du willst, dass ich mich um diesen Karpfen kümmer. Er ist auch nur ein Fisch. Das ist der Punkt. Ich habe hier Lamas. Paarhufer. Welch wunderbare Geschöpfe.“

„Ach, Dörte!“

„Ach, Dietfried!“

Sie umarmten sich.  Auf ihrem kleinen Stück Land im Oderbruch war ein kleines Paradies entstanden. Midnight Oil beschallten diesen Nachmittag. 


„Out where the river broke. The bloodwood and the desert oak.“

Am Abend war Dembowski zurück im Soldiner Kiez. Er las alles über den Rücktritt und Ferundulas Nachricht.

„Deal done! This summer!“

So war es.

Im Mittelmeer sanken Schiffe, vereinzelt brannten Flüchtlingsheime, die Vorratsdatenspeicherung machte das Land jeden Tag ein wenig sicherer.

In München hatte jemand den Panik-Button gefunden,  der Traum von der ewigen Jugend zerbrach an einer Niederlage.  Der Verein handelt nach Klub-TV-Maßstäben, sorgte damit für eine kurze Erregungsblase bei den üblichen Verdächtigen. „Nicht mit uns“, schrien sie und hatten doch keine Wahl.

Dembowski nahm das alles nur am Rande wahr. Immer passierte etwas, immer war Krieg. Ohne Aufregung kein Geschäft. Alle spielten ihre Rolle perfekt.

Ridley Ferundula saß auf seinem Hausboot. Klopp war weg.  Der erste Schritt. Nun musste er ihm ein Verein besorgen. Schneller sein.  Er handelte auf eigene Rechnung. Er musste seine Karten ausspielen. In England auf die besten Verbindungen nach Deutschland pochen. Dembowski würde ihm schon helfen. Er hatte ihn mit einer kurzen Nachricht gelockt. Sie versprach großes Geld, ein Stück Freiheit. Diese zu erlangen, das wusste Ferundula, war Dembowskis Antrieb.

Hauke Schill ersetzte seinen Peter Knäbel-Bademantel durch einen Labbadia-Mantel.

Justin Hagenberg-Scholz schrieb einen Klopp-Nachruf. Er wollte ihn richtig würdigen. Dembowski würde stolz sein. Der stand auf Emotionen.

Am Samstag trafen sie sich bei Schill.

Der BVB gegen Paderborn. Das erste Spiel vom Ende.

Klopp trug einen Schutzpanzer. Das Westfalenstadion blieb ebenfalls unauffällig.

Dembowski spazierte erst mit dem Anpfiff ins Soldiner Eck. 

„Justin hat schon auf Dich gewartet. Wirklich ein tolles Stück!“

Schill deutete auf Hagenberg-Scholz. 

Dembowski sah ihn über einem Stück Papier gebeugt. Er betete.

„Schieb ma ne Bier rüber! Wo ist dieser Agent?“

„Keine Ahnung. Diese Hamburg-Geschichte werde ich ihm nie verzeihen. Musste mir schon wieder einen neuen Bademantel machen.“

„Gnihihi. Ja. Da war doch was. Zufrieden mit Bruno? Ich fürchte, Justin hat das was vorbereitet. Das Papier macht mich noch ganz nervös. Wo ist sein Tablet?“

Es lag auf einem anderen Tisch im Nebenraum. Daneben stand ein kleiner Beamer.

„Er nennt es Echtzeitprognosen.“

Schill drehte sich um.  Dembowski sah einen riesengroßen „Bruno will save us all!“-Schriftzug. Darunter Bruno mit Schnurrbart und Raute. „Nur der HSV!“ schrie Schill. Gerade da spazierte Ferundula in die Kneipe.

„Kehlt macht es!“

Seine Worte verhallten in der Tristesse des Samstagnachmittags.

Der Ermittler schlich ein paar Meter weiter zu Hagenberg-Scholz.

„Dembowski, ich wollte Dir da mal was zeigen. Hier…“

„Wasn das?“

„Einfach mal lesen. Hab das schon hochgeladen. 4.000 Zugriffe.“

Hagenberg-Scholz reichte Dembowski einen Papierberg. Es war ein Text über die Klopp-Jahre. Er war hochemotional.

„Nie mehr“, schrieb Justin, „werde ich einen Trainer so lieben wie Dich, mein Jürgen! Du hast uns aus der Dunkelheit ins Licht geführt. Ohne Dich ist alles grau. Du hast uns mit Deinen Worten gefangen, Du hast uns von unseren Lähmungen geheilt. Wir sind durch die Liga gerockt, wir waren die leidenschaftlichsten Vollgasveranstalter der Neuzeit. Du hast uns den Glauben an die Romantik zurückgegeben. Lieber Jürgen“, schrieb Justin, „ich möchte das genauer ausführen.“

Es folgte der übliche Bullshit. Am Ende lief alles immer nur auf die Erfolge hinaus.  Und das war doch das Problem mit Klopp. Die Zeit der Erfolge war vorbei. Klopp hatte es eingesehen. Hagenberg-Scholz lebte in der Vergangenheit. Dembowski zerriss das Papier.

„Beschäftige Dich besser weiter mit der Vermessung der Borussia. Das ist unerträglich! Alter! Hast Du kein eigenes Leben?“

„Aber…Bill Shankley….“

„Wasn mit dem?“

„Some people believe football is a matter of life and death, I am very disappointed with that attitude. I can assure you it is much, much more important than that.”

“If you are first you are first. If you are second you are nothing. Wir sind 10. Und schau Dir den Scheiß da mal an!“

Dortmund wehrte sich mit Händen und Füßen gegen eine Niederlage im Heimspiel gegen den SC Paderborn 07. Man konnte es eigentlich keinem erzählen. Zum Glück honorierte Schiedsrichter Dr. Felix Brych aus München den verzweifelten Kampf der Borussen, versagte Paderborn einen Elfmeter.

Hagenberg-Scholz ließ sich seine Enttäuschung nicht anmerken. Er saß nun vor seinem Tablet. Auf einer Leinwand veränderten sich die Prognosen. Dortmund schielte wieder in Richtung Tabellenkeller.

„Die laufen auf 13 ein. Das dürfen die nicht. Auf geht’s Dortmunder Jungs, schießt ein Tor für Klopp!“

Mkhitaryan, Aubameyang und sogar Kagawa trafen. Die Projektion zeigte nun den fünften Platz der Dortmunder an.  Als Absteiger wurden Freiburg, Stuttgart und Paderborn genannt, wobei die Breisgauer sich in die Relegation retten würden.

„Wie soll das gehen?“

„Paderborn war die größte Hürde. Der Klopp-Faktor. Die Wende. Dazu fließen natürlich noch Werte wie Passgenauigkeit und Kombinationssicherheit, sowie die aktuellen Verletzungen und die Rückkehrprognosen mit.“

„Und was ist mit dem Dino?“

Hagenberg-Scholz nickte in Richtung Schill. 




Ferundula drückte Lage rein.

„Doch pass auf! Auch Panzerwagen haben eine weiche Stelle! Faust auf Faust! Hart ganz hart!“  sangen sie im Kneipenchor. Klopps Faust schlug auf seinen Panzer. Auf das BVB-Logo auf seiner Brust.

„Das müssen die spielen! Das ist Klopps Song! Ich ruf da an.“

Hagenberg-Scholz weinte.

Ferundula sprang zum nächsten Lied.

„Und wenn ich geh, geht nur ein Teil von mir und gehst Du, bleibt Deine Wärme hier.“
Hagenberg-Scholz hielt es nicht mehr aus.

„Ich muss raus. Wie soll ich das gegen Bremen nur ertragen?“

„Schill, mach ma nen Bier. Endlich ist das Weichei weg. Morgen Frühlingsparty im Campo. Und Ridley, was ist denn jetzt mit Kehl?“

„Der wird Co-Trainer. Tuchel macht es.“

„Und mit Klopp?“

„Wenn ich das nur wüsste. England. Bin da mit einigen sehr vielversprechenden Vereinen im Gespräch. Newcastle sucht einen neuen Trainer. Hab diesen Mike Ashley neulich an der Strippe gehabt. Interessanter Mann mit großen Visionen. Der will aus den Magpies ein zweites Dortmund machen.“

„Aber ist nicht Gelsenkirchen die Partnerstadt?“

„Das ist Ashley egal. Der muss liefern. Er steht unter Druck. Der Verein arbeitet mit Profit, ist sein Pardew ruderlos. Wie der aus dem Deal gekommen ist, bleibt mir, das muss ich sagen, ohnehin ein Rätsel. Die Geordies erzählen viel, und immer geht es um Geld. Um Knebelverträge!“

„Knäbel? Zu Newcastle! Immer gerne. Ich leg mein Bademantel…“

„Schill. Komm ma runter. Es geht um Klopp. Du hast hier gar nichts zu melden. Mach Ferundual mal nen Bier klar.“

„Also. Ashley wollte den Verein abstoßen. Klappt nicht. Jetzt muss er die Fans beschwichtigen. Da kommt Klopp gerade recht. Ein Arbeiterverein mit großer Tradition. Die wollen ihn.“

„Ich kann Dir wirklich nichts versprechen. Auch wegen Gelsenkirchen.“

„Willst Du hier raus? Dann kümmer Dich.“

Dembowski kümmerte sich, aber erst einmal um die Frühlingsparty im Campo.

Bis auf Hagenberg-Scholz kam niemand.

Der BVB verkündete die Tuchel-Verpflichtung. Ein Strahlen huschte über Justins Gesicht.

„Er ist der Rule-Breaker! Er erfindet Fußball jeden Tag ein wenig neu. Er kann Ballbesitz und er setzt die Trends. Die perfekte Wahl für den BVB! Wirklich. Ein außerordentlicher Trainer mit außerordentlichen Fähigkeiten. Hast Du gestern Mkhitaryan gesehen? Der wird unter Tuchel aufblühen. Es gibt nur einen logischen Trainer für ihn. Der ist jetzt da! Bald.“

„Der Pilot? Aus dem wird nichts mehr.“

„Deine Art ist unerträglich. Wie Du über Menschen urteilst.“

„Das sind keine Menschen. Das sind Avatare.“

Hamburg verlor in Bremen. Später am Abend stieß Schill hinzu. Er wusste nicht mehr weiter. Und schwieg. Hagenberg-Scholz und Dembowski respektierten seine Trauer. 

Einer träumte vom Klassenerhalt, und einer von Tuchel und Dembowski dachte an Koi. Er würde ihn bald wieder besuchen. Ein Rabe beobachtete sie. Ohne Träume sind wir nichts, dachte Dembowski. Klopp sagte West Ham United ab. Der erste Schachzug Ferundulas war geschickt.