Samstag, 13. Juli 2013

in eigener sache: nach gabun und armenien erobert dortmund jetzt indien

Wie ein Inder einmal fast bei Borussia Dortmund landete:

Dass Dembowski nicht mehr als eine Kunstfigur ist, dass DerSamstag! - trotz seiner zweifelsohne guten Transferideen – nicht mehr als eine fiktive Boulevardzeitung, die in Auszügen in diesem Blog erscheint, ist, hat mittlerweile ein Großteil der Leser dieses Blogs bemerkt.

Doch natürlich ist die Fiktion nichts gegen die irrwitzigen Wendungen der Realität. Neben diesem Blog schreibe ich u.a. als Germany Correspondent für ESPN FC. Die Arbeit besteht auch daraus, aus den unsinnigen Transfergerüchten zumindest so etwas wie die Wahrheit, wie die wirklichen Geschichten herauszufiltern. Was gar nicht so einfach ist. Aber mit der Zeit lernt man, im Falle Borussia Dortmund, die 30-40 Namen auf der Zorc-Liste als das zu verstehen, was sie sind: Eine Einladung zur Spekulation. 

Der Boulevard, die seriösen Medien und natürlich auch das, was man heutzutage Social Media nennt, haben diese Einladung in den vergangenen Monaten gerne angenommen. Es gab ja nun auch nichts anderes zu berichten. Auch DerSamstag! mischte kurzzeitig prominent mit, schrieb Mesut Özil, Kevin-Prince Boateng, Christian Benteke und ein paar andere Spieler nach Dortmund. Sogar dieses vollkommen aberwitzige Gerücht verbreitete sich allein schon deswegen, weil es für die 100 Millionen möglich erschien, diese Spieler zu verpflichten.

Borussia verpflichtet diese Spieler trotz der wunderbaren Gerüchte nicht, sondern nahm Pierre-Emerick Aubameyang von St.Etienne, den Werder-Abwehrspieler Sokratis und den Armenier Henrikh Mhkitaryan unter Vertrag. Im Reviersport-Tagebuch berichtete Stefan Schinken über den Hype, den diese Verpflichtung auslöste. So gratulierte Azat Ordukhanyan, der Vorsitzende des Zentralrats der Armenier in Deutschland, in einer Pressemitteilung. „Heno“ sei nicht nur ein „Ausnahmesportler“, sondern auch ein „erfolgreicher Botschafter für seine Heimat Armenien“. 

Das kaukasische Binnenland sei ein gänzlich neuer, wenn auch kleiner Markt für den BVB, überlegte Schinken. Um richtig Geschäfte zu machen, müsse man aber tief nach Asien blicken und einen Inder unter Vertrag nehmen. 1.25 Milliarden potentielle BVB-Fans. Mit Sunil Chhetri hatte Schinken auch gleich einen Spieler an der Hand. Chhetri fristet momentan zwar ein Reservistendasein in der Reserve von Sporting Lissabon, hat jedoch immerhin über 60 Länderspieleinsätze, in denen er darüber hinaus noch 30 Tore erzielte. 

Während seines Jahres in der US-Profiliga kam Chhetri für die Kansas City Wizards zwar nicht zum Einsatz und auch bei Sporting Lissabon B spielte er in der vergangenen Saison nur 3 Mal. Aber 1.25 Milliarden Inder, da könnte man Trikots verkaufen. So der schöne Bericht von Schinken. Nicht wirklich ernst gemeint.

Am Freitag stellte sich nun Mhkitaryan erstmalig den Fragen der Presse. Im Traininglsager in der Schweiz sagte der neue Dortmunder Mittelfeldstar das, was man so sagt, wenn man nicht nur der teuerste Neuzugang, sondern auch noch der Götze-Nachfolger ist. Er sei kein neuer Götze, er habe mit seinem Herzen entschieden und überhaupt sei er wirklich glücklich, bei der Borussia zu sein. 

ESPN FC hatte bereits am Vormittag einen kurzen Text über diese erste Pressekonferenz angefordert. Ich schrieb dann darüber und erinnerte mich auch an den kurzen Text im Reviersport. Eine schöne Geschichte, ich wollte sie am Ende des Artikels kurz erwähnen. Das tat ich auch. Der Hype, die Pressemitteilung des Vorsitzenden des Zentralrats der Armenier in Deutschland, die Traditionsschule Großkreutz, der wunderbare neue Dortmund-Spieler. Erst Gabun und Armenien und dann: Indien! Klare Sache! Dortmund ist längst keine regionale Sache mehr. 

Mein Text endete so:
Mkhitaryan's arrival at Dortmund led to much celebration in his native Armenia. The Central Committee of the Armenians in Germany released a press statement calling him an "exceptional sportsman" and "not only a rising star on the football landscape" but also "a successful ambassador for Armenia".

Mkhitaryan's Dortmund debut was broadcast live on the club's official website, with one in every five viewers hailing from Armenia.
This led local German football weekly Reviersport to suggest that Dortmund should now set their sights on Sporting Lisbon and India international Sunil Chhetri.
The paper said: "He'd be available for less than €1 million and is loved in his home country. He has scored 36 goals in 61 caps for India - some 1.25 billion potential BVB fans."

Die Originalquelle, der Reviersport, war verlinkt. 

Nicht im Entferntesten hätte ich mir vorstellen können, dass jemand aufgrund dieses Textes ernsthaft auf die Idee kommen würde, Dortmund sei an Chhetri interessiert. Ich twitterte den Text kurz und fügte „BVB to target India star next?“ hinzu. Der Tweet wurde von der großen Masse ignoriert. Nur Ina Steinbach freute sich über die willkürlichen Anordnung der Konsonanten und schlußfolgerte: „Perfect match!“ 

Das Wochenende begann. Am Samstag klickte ich noch einmal kurz auf den Text, via Facebook wurde er da bereits über 100x geteilt. Ungewöhnlich häufig. Aber das passiert hin und wieder aus irgendwelchen Gründen. Was hier die Gründe waren, wurde mir auf Facebook bewusst. Dort wurde mir ein öffentliches Posting des BVB-Pressesprecher Sascha Fligge in die Timeline gespült. Es war mit „Meine Lieblings-Journalismus-Geschichte des Tages“ überschrieben, und enthielt ein Screenshot der letzten beiden Absätze des oben zitierten Texts. 

Noch am Freitag war aus „this led Reviersport to suggest that Dortmund should“ ein „Dortmund eyes India star“ geworden. Das Netz war voll mit Breaking News zur anstehenden Chhetri-Verpflichtung, mit Dementis und Übersetzungen des Reviersport-Artikels. Scheinbar hatten die beiden letzten Absätze in Indien für enormen Wirbel gesorgt. 

1.25 Milliarden potentielle Fans in Aufruhr. Durch einen kleinen Text im Reviersport und meine Verkürzung des Textes für ESPN FC. Erstaunlich. Aber natürlich auch ein weiterer Beweis, wie immens das Interesse an Borussia Dortmund in den letzten Monaten geworden ist. Regionale Sache war einmal.

Ruhiger geht es da auf der Lama-Farm zu. Dieser Tage steht das große DerSamstag!-Sommerfest an. 

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